9. Handlungskompetenz
und Musterhandeln
Findet ein Klient in seiner Innenwelt graue Monotonie
vor, die auf keine seiner Fragen antwortet und die ihn dermaßen beherrscht,
dass er weder einen Schritt vor noch einen Schritt zurück machen kann,
wird offenkundig, dass er (zumindest in Bezug auf das gegenwärtige Thema)
über kaum bzw. keine Handlungskompetenz verfügt. Er kommt nicht von
allein ins Tun, ist unfähig zu handeln und wird von den Gegebenheiten in
der Innenwelt beherrscht, die selbstähnlich die momentane Konstellation
seines Lebens im Außen versinnbildlichen – Stillstand und Ratlosigkeit
beherrschen die Szene.
Handlungskompetenz ist die Fähigkeit, etwas zu tun und zwar im Innen wie im Außen. Anders jedoch als im Alltag, wo die Probleme mitunter verworren und unübersichtlich erscheinen, konzentrieren sich Innenweltreisen auf das Hier und Jetzt. Der Klient hat sein Dilemma und seine Handlungsunfähigkeit deutlich vor Augen. Er kann klar darauf hingewiesen werden: Das ist der Ausdruck Deiner Innenwelt in Bezug auf das Thema; damit läufst Du durch's Leben – willst Du das? – Was willst Du tun? Manchmal ist die Handlungsunfähigkeit so groß, dass ihm dennoch nichts einfällt. Hier können Techniken helfen, wie sie im 4. Kapitel beschrieben werden. Mitunter genügt es jedoch auch schon, wenn der Klient sich von der Matratze erhebt und ganz bewusst einen Schritt im Raum macht. Und dann noch einen... Das Gegenteil von Handlungsunfähigkeit ist das Tun und so genügt es vielleicht auch schon, wenn eine Kleinigkeit gemacht wird – etwa einen Eimer Wasser auf das staubige Grau zu schütten – und schon kann Bewegung "ins Spiel" kommen und die Transformation der Situation einsetzen. Das Wachsen der Handlungskompetenz findet hier ihren Anfang und lässt auch den (Lebens-)Mut wieder aufkommen.
Handlungskompetent ist der 'Tuende', wozu letztendlich auch das Handeln des 'Täters' und damit die Annahme des eigenen Schattenbereichs zählt – das, was wir normalerweise nicht sein oder tun wollen oder können: hassen, wüten, zerstören, töten, vergeben, lieben, erlösen, heilen ...
Transformationen, Handlungskompetenz und Mut stehen in Wechselwirkung miteinander. Handlungskompetenz und Mut wachsen im Zuge vieler Transformationserfahrungen (vgl. Basic 1/4, Kap. 4.2; 5.2; 6.2), sowohl während einer Sitzung als auch generell im Laufe vieler Sitzungen – und nicht zuletzt durch Umsetzung im alltäglichen Leben.
Mit zunehmender Handlungskompetenz in der Innenwelt wächst auch die Handlungskompetenz im Außen und wir beginnen etwas mit dem Leben zu machen und uns nicht mehr alles bieten zu lassen: vom Chef, vom Ehepartner, von den Eltern usw. Das Leben im Alltag beschert uns immer Themen, die bereits in der Innenwelt bearbeitet worden sind und fragt danach, ob wir auch hier genug Konsequenz und Mut besitzen, unsere Themen anzugehen, unbequeme Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für unser Tun und Handeln zu übernehmen. Es genügt nicht, sich ausschließlich "fit" und handlungskompetent in der Innenwelt zu machen!
Musterhandeln entsteht, wenn wir nicht handlungskompetent sind, wenn wir die seelischen Verletzungen unserer Kindheit nicht erlöst haben; wenn uns im Alltag Muster beherrschen und unser Verhalten diktieren. Muster sind komplex vernetzte Informationsstrukturen unserer Innenwelt, die sich aus schönen und vor allem weniger schönen Erfahrungen in unserer Kindheit zusammensetzen – aus traumatischen Erlebnissen, aus Verlust- und Mangelerfahrungen aller Art. Ist beispielsweise eine Mutter nicht in der Lage, ihrem Kind Liebe und Wärme zu schenken (vielleicht, weil sie so etwas selbst nie erfahren hat), besitzt der junge Mensch ein tief sitzendes Liebesdefizit in seiner Seele, das auf Erlösung wartet – und zwar Jahre lang. Solange, bis der erste Partner bzw. der Ehepartner ins Leben tritt. "Selbstverständlich" ist dieser dann dafür zuständig, das tiefe Loch in der verletzten Seele zu füllen! Am besten in jeder Sekunde, mit seiner ganzen Kraft und der gesammelten Aufmerksamkeit. Offen oder unterschwellig vorgetragene Eifersucht hält dabei mögliche Konkurrenten vom Platz – ein allgemein gesellschaftliches Phänomen.
Dies kann im Extremfall so weit gehen, dass man seinen Lebenspartner (den man zu lieben glaubt) massiv in seinen sozialen und beruflichen Freiräumen einschränkt und etwa der Ehefrau (eine Masseurin) verbietet, Männer zu massieren oder dem Ehemann (ein Manager in der Finanzwirtschaft) klarmacht, dass Tagungen mit Übernachtungen "nicht drin sind" etc. Hier handeln die Menschen gemäß ihrer seelischen Defizit-Muster, die aus (früh-)kindlichen Mangelerfahrungen resultieren und den einen Partner dazu verführen, den eigentlich geliebten Menschen seelisch und sozial massiv einzuschnüren, während sie den anderen Partner dazu bringen, "es mit sich machen zu lassen". Es gehören dazu immer zwei musterhandelnde Menschen. Musterhandeln ist das Gegenteil von Handlungskompetenz.