8. Reichtum und Schatten in der inneren Welt

So wie im Winter in uns das Gefühl von Sommersonne auf der Haut verblasst, so schwindet bei vielen Menschen im Laufe ihres Lebens das Gefühl für die eigene Lebendigkeit. Dies sind keine Ausnahmen, es ist in unserem Kulturkreis der Normalfall - wir arbeiten, um die Familie zu versorgen und zu ernähren, um das Haus und das Auto abzuzahlen. Wir ertragen ignorante Chefs, missmutige Kollegen, tratschende Nachbarn und manchmal auch einen Lebenspartner, mit dem uns nur noch die Gewohnheit verbindet - und ”funktionieren” in unserem Alltag. Viele Menschen haben gar kein Bewusstsein mehr dafür, wie umfassend sie in ihrer Lebendigkeit eingeschränkt sind, was ”Lebendigkeit” eigentlich alles bedeuten kann - ”mir geht’s prima, läuft alles ganz normal!”

'Grauer Alltag' ist vielen ein Begriff; Stress, Kopfschmerztabletten und blutdrucksenkende Mittel gehören hierzulande zur Normalität - bei den anderen im Bekanntenkreis und im Fernsehen ist es ja auch so; Höhenangst und Lampenfieber sind weit verbreitet und auch die nagende Sorge um den guten Ruf bei Verwandten, Bekannten und Kollegen ist doch ganz normal ...


Macht das Leben etwas mit uns oder machen wir etwas mit dem Leben?

 

Macht das Leben etwas mit uns oder machen wir etwas mit dem Leben?

Der Reichtum oder der Mangel an Möglichkeiten, über die wir in der Innenwelt verfügen, entspricht der Handlungskompetenz, über die wir in unserem Leben verfügen.

Der Reichtum drückt sich als sehr differenzierte Innenwelt aus: detailreiche Bilder, hilfsbereite Symbolfiguren, lebendige Persönlichkeitsanteile, glückliche und unterstützende Familienmitglieder gehören ebenso dazu wie schöne Orte, die nicht nur den Rahmen der aktuell behandelten Thematik in der Innenwelt abgeben, sondern auch symbolisch für die Qualität der gesamten Lebenseinstellung des Klienten stehen.

Umgekehrt verweisen kalte, unangenehme Kellergewölbe auf nicht aufgearbeitete Themen und Erfahrungen im Leen. Etwa ein Symbolraum, der halb im Dunkeln liegt, wobei sich die Mama im helleren und der Papa im dunkleren Teil befindet. Häufig sind uns unsere verdrängten Schlüsselerlebnisse der Kindheit im Alltag nicht bewusst und liegen in der Innenwelt buchstäblich im "Schatten". Diesen Begriff prägte C. G. JUNG Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Schatten ist all das, was wir nicht sein wollen, was wir nicht in uns vorfinden wollen, was wir nicht leben wollen. Unser "Nein" vermag es zwar, diesen Teil unseres Lebens aus unserem Wachbewusstsein zu tilgen, doch finden wir ihn in der Innenwelt wieder auf, da er zu uns gehört – ein Missbrauch etwa, der vor Jahrzehnten geschah und von dem wir absolut nichts wissen (wollen).

Diese Verdrängung führt zu allerhand verzerrten Wahrnehmungen (vgl. Basic 1/4, Kap. 2). Wir empfinden den Schattenbereich als unangenehm, ja als peinlich. Die Stärke der damit verbundenen Gefühle gaukelt uns vor, dass diese von uns erlebte und gelebte Wahrnehmung von allen Menschen geteilt wird und wir verkennen dabei, dass es sich ausschließlich um unsere persönliche Wahrnehmung handelt. Auch führt die Verdrängung in der Regel dazu, dass wir den Schatten nach außen projizieren und unsere Weltwahrnehmung danach ausrichten. Unsere Verachtung und Kritik betrifft dann präzise das, was wir in uns nicht wahrhaben wollen.

Während die dem Schatten eigentümlichen Züge ohne allzu große Mühe als persönlichkeitszugehörige Eigenschaften erkannt werden können, versagt hier sowohl die Einsicht wie der Wille, denn der Grund zur Emotion scheint ohne allen Zweifel beim Andern zu liegen. Für den objektiven Beobachter mag es noch so offenkundig sein, dass es sich um Projektionen handelt. Trotzdem besteht doch wenig Hoffnung, dass dieselben vom Subjekt eingesehen werden. Man muss schon davon überzeugt sein, dass man auch gelegentlich Unrecht haben könnte, um gewillt zu sein, emotional betonte Projektionen vom Objekt abzulösen.

Nehmen wir nun an, dass bei einem gewissen Individuum keinerlei Neigung besteht, die Projektionen einzusehen. Der projektionsbildende Faktor hat dann freies Spiel und kann, wenn er überhaupt ein Ziel besitzt, dieses verwirklichen bzw. den für seine Wirksamkeit charakteristischen Folgezustand herbeiführen. Das Projizierende ist bekanntlich nicht das bewusste Subjekt, sondern das Unbewusste. Man findet daher die Projektionen vor und macht sie nicht. Der Erfolg der Projektionen ist eine Isolierung des Subjekts gegenüber der Umwelt, indem statt einer wirklichen Beziehung zu derselben nur eine illusionäre vorhanden ist. 33)

Schatten und damit Mangel kann sich in der Innenwelt sehr vielfältig ausdrücken: In der Gleichgültigkeit der vorgefundenen Symbolfiguren und Familienmitglieder, im Ausdruck ihres Zustands (alt, schwach, grau, zerlumpt, erstarrt, tot) und in der Beschaffenheit der ganzen Innenwelt (dunkel, kalt, feucht, kellerartig, betoniert oder ohne Fußboden). Auch das Nichtvorhandensein von wichtigen Personen des Lebens oder helfenden inneren Instanzen kann Mangel ausdrücken.

Schließlich ist noch emotionale Armut zu nennen, wenn etwa über traumatische Erlebnisse gefühlsarm berichtet wird und/oder die Perspektive des Klienten die Position der dritten Person einnimmt. Umgekehrt kann es vorkommen, dass rasante, schillernde bunte und reichhaltige Bilderwelten erlebt werden, die den Begleiter der Sitzung dazu verführen können, "auf dem Film auszurutschen". Transformationen, die den Klienten nicht emotional tief berühren und nicht zu körperlichen Reaktionen führen, sind selten echte Transformationen, sondern lenken mittels einer scheinbar hilfsbereiten und vielfältigen Innenwelt vom eigentlichen Problem, vom eigentlichen Schatten – der einen erstarren ließe – ab. Die Innenwelt entspricht hierbei mitunter selbstähnlich den (Über)Lebensstrategien des Klienten im Alltag, in dem er es sich zur Angewohnheit gemacht hat, Probleme schönzureden oder wegzudiskutieren, anstatt sie anzusehen und anzunehmen. Tiefe emotionale Betroffenheit und entsprechende Körperreaktionen sind hingegen ein untrügliches Anzeichen für die Tiefe und Authentizität der Erlebnisse in der Innenwelt und Voraussetzung für echte und nachhaltige Transformationsarbeit. Je tiefer wir emotional betroffen sind, um so umfassender kann die Transformation erfolgen; reines "Bildergucken" beschert vielleicht einen unterhaltsamen Nachmittag, ändert jedoch nichts an der Thematik des Klienten.

Im Schatten können unterdrückte Gefühle wieder hochkommen – wir sind ungerecht, gemein oder entwickeln Hassgefühle –, Gefühle, die wir uns im Alltag nicht leisten können. Im Zuge einer Innenweltreise müssen wir dort hin, um den Schmerz zu erlösen, der uns angetan worden ist. Denn die Vergangenheit arbeitet ständig weiter im Gehirn. Wir können uns nicht vor dem Schatten schützen, weil die entsprechenden Energiebilder (der Papa, der einen gerade schlägt, der Onkel, der einen gerade missbraucht) in uns sind.


Intellektuelle Einsichten befreien nie!

Es nützt nichts, jemanden mit Waschzwang zu erklären, dass die Hände sauber sind, denn es liegt ein Zwang dahinter, eine Arbeitsanweisung aus dem Unbewussten, die so mächtig ist, dass sie den Willen ausschaltet. Diese Arbeitsanweisung muss verändert werden, damit sich die Spannung auflösen kann und anders gehandelt werden kann. Wir müssen schauen – auch auf die hässlichen Dinge in uns. Synergetische Innenweltreisen erlösen den Schatten und transformieren ihn – das allein rechtfertigt dieses Vorgehen (B. JOSCHKO).


Im vorliegenden Ausbildungsmaterial geht es um Methoden und Techniken, die die Innenwelt bereichern und die Handlungskompetenz des Klienten stärken können. Oftmals helfen sie uns dabei, den Schatten zu demaskieren und zu dekonstruieren, etwa indem sie uns helfende Instanzen bescheren, die dem Klienten nachhaltig helfend zur Seite stehen. Wenn bestimmte innere Bereiche so sehr in den Schattenbereich verdrängt worden sind, dass sie nicht auf direktem Wege dem Bewusstsein zugänglich sind, lassen sich effektive Interventionstechniken einsetzen, um diese verdrängten Seelenbereiche wieder zugänglich zu machen.

33 JUNG, C. G.: Welt der Psyche. 7. Aufl. Frankfurt/M. 1985, S. 72f