6. Evolutionsbionik
6.1 Bionik
Der Begriff "Bionik" wurde auf einem Kongress 1960 in Dayton/Ohio von dem amerikanischen Luftwaffenmajor J. E. STEELE geprägt. Gemeint war damit sinngemäß ein "Lernen aus der Natur für die Technik". Zwar war der Begriff neu, nicht jedoch Verfahrensweise.
Leonardo
DA VINCI (1452-1519) war Künstler, Philosoph, Naturwissenschaftler und
als solcher gilt er heute als der erste Bioniker. Aufgrund seines Studiums des
Vogelfluges schrieb er bereits im Jahre 1505 das klassische Werk „Sul
vol degli uccelli“ und konstruierte Fluggeräte, Hubschrauber und
Fallschirme. Inspiriert von DA VINCI entwickelte der türkische Gelehrte
Hezarfen Ahmed CELEBI (1609–1649) ein Fluggerät nach dem Studium
des Vogelfluges, mit dem er 1647 vom Galata Turm in Istanbul über den Bosporus
nach Uskudar flog.
England
führte im 16. Jahrhundert Krieg gegen die damals übermächtige
Seemacht Spanien. Ihren Vorteil zogen dabei die Engländer aus den klugen
Konstruktionen ihrer Schiffe: 1590 ließ sich der englische Schiffsbauer
Matthew BAKER vom Vorbild Natur inspirieren. Praktische Naturbeobachtungen bewogen
ihn zur Konstruktion von Schiffsrümpfen nach dem Vorbild von Dorschkopf
und Makrelenschwanz. Dies brachte der nach ihm benannten Baker-Galeone eine
Verbesserung der Manövrierfähigkeit und eine Reduktion des Wasserwiderstandes.
Selten haben die exakte Kopien der Natur zum Erfolg geführt. BAKER hingegen
nahm die Natur lediglich als Anregung für seine technologisch eigenständige
Weiterentwicklung der Schiffsrümpfe und beachtete damit das heute geltende
Grundprinzip der Bionik:
| Bionik ist keine Naturkopie, sondern ein Lernen von der Natur |
Bionik wird heutzutage nach zwei Verfahrensweisen unterschieden:
a) Bionik als „top-down-Prozess“ (Analogiebionik)
1) Definition des Problems
2) Suche nach Analogien in der Natur
3) Analyse der Vorbilder in der Natur
4) Suche nach Lösungen für das Problem mit den Erkenntnissen aus der Natur

Bekannte
Beispiele sind die Fluggeräte Otto LILIENTHALS und der Gebrüder WRIGHT.
Sie beobachteten den Flug großer Vögel, bevor sie ihre Prototypen
bauten. Auch und gerade der Verfeinerung bestehender Erfindungen dient die Bionik.
So können etwa sogenannte "Winglets" an Flugzeugflügeln
die großen Luftwirbel an den Flügelspitzen vermindern, was zu einer
wesentlichen Reduktion des Kraftstoffverbrauchs führt. Entsprechende Anleihen
aus der Natur wurden dem Flug großer segelnder und gleitender Vögel
(Bussard, Kondor, Adler) entnommen.
b) Bionik als „bottom-up-Prozess“ (Abstraktionsbionik)1) Biologische Grundlagenforschung: Biomechanik und Funktionsmorphologie von biologischen Systemen
2) Erkennen und Beschreiben eines zu Grunde liegenden Prinzips
3) Abstraktion dieses Prinzips (Loslösung vom biologischen Vorbild und Übersetzung in nicht-fachspezifische Sprache)
4) Suche nach möglichen technischen Anwendungen
5) Entwicklung technischer Anwendungen in Kooperation mit Ingenieuren, Technikern, Designern usw.
Dieser Verfahrensweise bedient u. a. die Synergetik nach JOSCHKO (vgl. Kapitel 6.2 Das Scheibchenziehen). Daneben findet diese Verfahrensweise Anwendung für ganz unterschiedliche Problemlösungen.
So
hat beispielsweise E. REIF vom Paläontologischen Institut der Universität
Tübingen die eigenartig gerieften Schuppen bei Haien beschrieben. Strömungsmechanisch
wurden die aneinander schließenden Mikroriefen als sog. "Grenzschichtdukte"
interpretiert. D. W. BECHERT vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt/Berlin
und seine Mitarbeiter haben solche Rillenoberflächen im Strömungskanal
untersucht und Reibungswiderstands-Verminderungen um bis zu 10 % gemessen. Flugzeuge
können mit einer speziellen Folie beklebt werden (so genannte Riblet-Folie),
die auf ihrer Oberseite über eine ähnliche Struktur verfügt und
so den Luftwiderstand des Flugzeugs senkt. Die wissenschaftliche Grundlage entstammt
Untersuchungen an fossilen Haien und deren „Schuppen“.
Weitere Beispiele aus unserem Alltag ist der Klettverschluss – den George de Mestral 1956 nach dem Vorbild der Klettfrüchte entwickelte – sowie der Lotuseffekt: Die Beobachtung und nähere Untersuchung der Tatsache, dass von einem Blatt der Lotuspflanze praktisch alle wasserlöslichen Substanzen abperlen, führte zu Patenten für extrem schlecht benetzbare und selbstreinigende Oberflächenstrukturen. Diese werden nun genutzt für neue künstliche Oberflächen bei Fassadenfarben.
Die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Bionik führten dazu, dass bionische Verfahrung mittlerweile beinahe gängig bei der Entwicklung neuer Produkte und Organisationslösungen zum Tragen kommen. Von den vielen unterschiedlichen Richtungen, die sich mittlerweile herausgebildet haben, seien hier genannt die Materialbionik, Werkstoffbionik, Konstruktionsbionik (Strukturbionik), Bionische Prothetik, Bionische Robotik, Klima- und Energetobionik, Baubionik, Sensorbionik, Bionische Kinematik und Dynamik, Neurobionik in der Mikroelektronik, Evolutionsbionik (vgl. Kapitel 6.2 Das Scheibchenziehen), Prozessbionik, Verfahrensbionik (Totalrecycling in der Natur) sowie die Organisationsbionik, die aufgrund der heutigen Mikroelektronik ungeahnte Möglichkeiten für die Zukunft bereithält und weit über die dingliche Dimension der konstruktionsbezogenen Bionik hinausreicht.
Komplexes Management ist heute immer noch nicht in der Lage, vorausschauend allen Anforderungen eines auch nur mittleren Industriebetriebs gerecht zu werden. Im Gegensatz dazu laufen Organisationsfragen im Bereich der belebten Welt, sei es im Einzelorganismus (die Gesamtkomplexität einer Fliege ist größer als die der gesamten deutschen Volkswirtschaft!) als auch in Organismensystemen und schließlich in ökologischen Systemen äußerst störungsarm ab. Die funktionellen Querbeziehungen von Ökosystemen, beispielsweise des Waldrands, sind bereits komplexer als die eines größeren Industriebetriebs. Aus der Art und Weise, wie die Natur Informationen organisatorisch benutzt, lässt sich in analoger Übertragung vieles für Technik und Verwaltung lernen.
1986
entwickelte Craig REYNOLDS mit "Boids" ein künstliches
Leben-Programm, das das Schwarmverhalten von Vögeln und Fischen simuliert.
24) Wie die meisten Programme dieser Art, stellen Boids eine Form von emergentem
Verhalten dar, d.h. die Komplexität der Boids ergibt sich aus der Interaktion
der einzelnen Agenten (in diesem Fall den Boids), die einem einfachen Regelwerk
folgen. In der einfachsten Variante gelten folgende Regeln:
1) Separation: wähle eine Richtung, die einer Häufung von Boids entgegenwirkt;
2) Angleichung: wähle eine Richtung, die der mittleren Richtung der benachbarten Boids entspricht;
3) Zusammenhalt: wähle eine Richtung, die der mittleren Position der benachbarten Boids entspricht;
Es können noch weitere Regeln, wie zum Beispiel das Ausweichen von Hindernissen oder eine Zielsuche hinzugefügt werden. Die Bewegungsmuster können grundsätzlich in chaotisch (zufällige Bewegung und Aufbrechen des Schwarms) und geordnet unterschieden werden. Diese bionische Grundlagen zur Schwarmintelligenz werden derzeit in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen erforscht und finden u. a. Anwendungen in der zivilen Luftfahrt, in Militärprogrammen und im Katastrophenschutz, für den derzeit ein internationales Team unter Severin LEVEN an dem Rettungssystem "Smavnet" arbeitet (Swarming Micro Air Vehicle Network for Communication Relay, auf deutsch: Flugkörperschwarm zum Aufbau von Kommunikationsnetzen). Diese Fluggeräte werden in naher Zukunft in der Lage sein, in Katastrophen- oder Konfliktgebieten ein mobiles Kommunikationsnetz aufzubauen, wobei sie selbst das Netz darstellen und den Boden nach Hilferufen absuchen, die übers Mobilfunktnetz abgesetzt werden. Am Himmel finden sie selbständig ihren Weg, umkreisen sich anhand von GPS-Punkten im Abstand von 150 m und koordinieren ihre Bewegungen untereinander. 25)
Die organisationsbionische Dimension kommt auch in der Synergetik nach JOSCHKO zum Tragen, in der es um die bionische Neuorganisation von neuronalen Informationsstrukturen in der Innenwelt geht, wie das folgende Kapitel behandelt.
6.2 Das Scheibchenziehen
Evolutionsbionik
versucht, die Verfahren der natürlichen Evolution der Technik nutzbar zu
machen. Insbesondere dann, wenn die mathematische Formulierung bei komplexen
Systemen und Verfahren noch nicht so weit gediehen ist, dass rechnerische Simulierung
möglich wäre, bleibt die experimentelle Versuchs-Irrtums-Entwicklung
als interessante Alternative. Diese hat heute bereits selbstverständlichen
Einzug in die Entwicklung beispielsweise von Schiffen und Flugzeugen, Verkehrsleitsystemen
und im Maschinenbaubereich gehalten. In den 60er und 70er Jahren des vergangenen
Jahrhunderts war ein solches Vorgehen in den Ingenieursberufen noch völlig
unüblich und stieß nur auf wenig Akzeptanz.
Einer
der ersten Evolutionsbioniker war Ingo RECHENBERG, seit 1972 Inhaber der Professur
für das Fachgebiet Bionik und Evolutionstechnik an der Technischen Universität
Berlin. 26) Als Meilenstein gilt RECHENBERGS Vortrag am 16. September 1964 in
der Berliner Kongresshalle mit dem Titel: „Kybernetische Lösungsansteuerung
einer experimentellen Forschungsaufgabe“. 27) Hier führt er das mittlerweile
berühmt gewordene Darwin-im-Windkanal-Experiment vor, in dem eine zur Zickzackform
gefaltete Gelenkplatte sich evolutiv zur ebenen Form mit dem geringsten Windwiderstand
entwickelt. 1966 gründet RECHENBERG zusammen mit Peter BIENERT und Hans-Paul
SCHWEFEL die inoffizielle Arbeitsgruppe Evolutionstechnik an der TU Berlin.
1967
arbeitete SCHWEFEL im AEG-Forschungsinstitut Berlin an einem Großexperiment
mit und entwickelte dort mittels der Evolutionsstrategie eine optimierte Zweiphasen-Überschalldüse.
Diese Düse stellt ein wichtiges Teilstück eines Kleinkraftwerkes für
Raumfahrzeuge dar. 28)
Nach einer Idee von SCHWEFEL wurde für eine experimentelle
Optimierung die Düsenform aus Segmenten zusammengesetzt. Insgesamt standen
330 Segmente mit passend abgestuften konischen Innenbohrungen zur Verfügung.
Mit den Segmenten wurde als Ausgangsform eine rechnerisch ausgelegte Lavaldüse
aufgebaut (Form 0 in der Abbildung). Gesucht wurde die jenige Düsenform,
bei der eine Wasserdampf-Zweiphasenströmung als Modellmedium den maximalen
spezifischen Impuls lieferte; dieses Ziel war nach 45 Versuchsanordnungen erreicht.
Der Wirkungsgrad der konischen Ausgangsform betrug 55%; die nach der Evolutionsstrategie
entwickelte Optimalform besitzt hingegen einen Wirkungsgrad von nahezu 80%.
29)
Psychobionik
Als
Bernd JOSCHKO 1975 in seiner Ingenieurarbeit dieses evolutionsbionische Optimierungsverfahren
anwandte, hatte er von den Arbeiten RECHENBERGS und SCHWEFELS keine Kenntnis.
Seine
Vorgabe war, eine Wasserstrahldüse zu berechnen, die in der Lage sein sollte,
für Messungen in einem Windkanal einen konstanten Luftdruck zu erzeugen.
JOSCHKO baute eine Wasserstrahldüse aus 100 Kunststoffscheiben von je einem
Millimeter mit unterschiedlich ausgefrästen inneren Durchmessern ganz ähnlich
wie in SCHWEFELS Versuchsaufbau. Durch diese Kunststoffscheibendüse wurde
Druckluft gepresst und die angesaugte Luft konnte genau gemessen werden. Wenn
JOSCHKO nun ein „Scheibchen“ zog und willkürlich woanders wieder
hineinsteckte wurde der Querschnitt verändert. Es gab also entweder eine
Verbesserung oder eine Verschlechterung des Durchflusses. Analog zur Evolution,
ließ er jede Verbesserung gelten und jede Verschlechterung machte er wieder
rückgängig. Nach 150 Schritten hatte er den optimalen Querschnittverlauf,
der sich nicht mehr verbessern ließ. Damit hatte sich die Kennlinie des
Energiedurchflusses vergleichbar zur Natur optimiert. Evolutionsbionische Ergebnisse
galten auch noch 1975 als suspekt und so hatte JOSCHKO die Berechnungen seiner
Versuchsanordnung nachzuliefern.
Seine
Erkenntnisse wie auch das evolutionsbionische Verfahren selbst übertrug
JOSCHKO schließlich auf die Methode der synergetischen Innenweltreise.
In abstraktionsbionischer Hinsicht (s. o.) stellt auch der Mensch ein virtuelle
Düse dar, die durchströmt wird – und zwar von seiner Lebensenergie.
Die "Scheibchen" bilden hierbei die im Laufe des Lebens herausgebildeten
Attraktoren.
Langjährige Erfahrung hat gezeigt, dass die Themen in der Innenwelt gängig
in Verbindung stehen mit dem Inneren Kind (als dem wichtigsten Symbolbild),
dem Papa, der Mama, den Großeltern, dem Inneren Mann, der Inneren Frau,
den Lebenspartnern, den Traumen sowie den aufzufindenden Mustersätzen.
Diese Inneren Bilder sind im konkreten Fall freilich noch weiter zu differenzieren
(Kleinkind, Schulkind etc.).
Sind einige oder alle dieser zentralen Themen in der Innenwelt nicht erlöst, drosseln sie gleichsam als "Schieberegler" den Durchfluss an Lebensenergie. Ist etwa das Innere Kind ganz gehemmt, verweigert es sich und sitzt in der Ecke oder ist gar erstarrt, steht der virtuelle "Schieberegler" bei 0 %. Steht der Innere Papa zudem vielleicht bei 20 % und die Mama bei 40 %, entsteht daraus eine eingeengte Kennlinie, die entsprechend den Lebensfluss hemmt. Dieser Befund, der sich aus der Qualität der maßgeblichen Innenweltbilder ergibt, drückt sich selbstähnlich in der gesamten Innenwelt aus (nicht so differenziert, nicht so plastisch, nicht so beweglich) sowie insgesamt auf allen Ebenen von Körper, Geist und Seele. Die wichtigsten Innenweltbilder sind fast immer geschädigt, wenn Menschen krank sind; Krankheit korrespondiert mit unkooperativen bzw. leblosen Bildern. Somit müssen Erlebnisse in der Innenwelt aufzufinden sein, die die Lebendigkeit dieser Symbolbilder ge- oder gar zerstört haben.
Das
Scheibchenziehen in der Innenwelt geschieht in der Art, dass
der Begleiter Impulse hinein gibt. Der Begleiter zieht in der Innenwelt mittels
Y-Fragen beinahe beliebig Scheibchen (Papa, Mama, Bruder, Lehrer, Chef, Musik,
Geräusche etc.) und schaut, wie der Klient darauf reagiert. Wenn der Klient
auf die gestellte Y-Frage (vgl. Basishandwerkszeug) oder auf die eingespielte
Musik nicht wesentlich reagiert, führte dieser Impuls nicht zu einer Zunahme
der Energie und braucht nicht weiter verfolgt werden, da es sich gleichsam um
das falsche Scheibchen handelte.
Wenn er energetisch reagiert, wird Energie freigesetzt; es kommt zu Interaktionen und damit Rückkopplungen und schließlich geschieht Selbstorganisation. Aufgrund der Vernetzung der neuronalen Informationsstrukturen optimiert sich damit ein Teil der Innenwelt. Die Innenweltbilder (Papa, Mama, Lehrer, Symbolraum, biographische Situation etc.) liefern während dieses Optimierungsprozesses präzise Rückmeldung über das Gelingen und Voranschreiten dieses Prozesses – sie sind gleichermaßen Werkzeug (direkte Ansprache und Rückkopplung) und Ausdruck (emergente Veränderung durch Selbstorganisation) des Optimierungsprozesses.
Merken wir, wie der Klient bei einer gewissen Musik anfängt zu schluchzen oder wie er angesichts seines Schattens betroffen oder gar angewidert reagiert und dabei doch beginnt, sich für diesen Teil seines Lebens zu interessieren, spüren wir, wie die Energie in der Sitzung zunimmt und wie sie im Klienten wieder ins Fließen kommt. Wenn er weint, läuft gerade etwas richtig (Energieerhöhung!); wenn er den Impuls hat zu schlagen, dürfen wir dies nicht etwa aus moralischen Gründen untersagen – es ist ein natürlicher und vielleicht bislang unterdrückter Impuls und als solcher wird er angenommen und vom Klienten (mitunter drastisch) ausgelebt (Energieerhöhung durch Prozessarbeit). Synergetik nach JOSCHKO unterscheidet sich nicht zuletzt von psychotherapeutischen Verfahren durch die Bereitstellung eines radikal freien Entfaltungsraumes.
Häufig
erweist sich dabei der Schlagstock (Dhyando) als ein wirkungsvolles Instrument,
Innenweltbilder zu transformieren, da die Arbeit mit ihm mit allen Sinnen wahrgenommen
wird und so umfassend auf die Prozesse in der Innenwelt einwirkt. Hat man mit
dieser hochenergetischen Prozessarbeit in der eigenen Innenwelt noch keine Erfahrung
gemacht, kommt leicht der Eindruck auf, dass diese Energiearbeit im Widerspruch
zu gewohnten ethischen Grundhaltungen unserer Gesellschaft steht, die uns anhalten,
Konflikte gewaltfrei zu lösen.
Dabei
wird jedoch übersehen, dass nur derjenige tatsächlich gewaltfrei im
Außen zu leben vermag, der seine unterschwelligen Konflikte im Inneren,
das heißt im Unbewussten, erlöst hat. Dhyando-Arbeit ist Transformationsarbeit,
die ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten unterliegt.
So geht es etwa nicht um den tatsächlichen Onkel, der seine Nichte in jungen Jahren immer wieder missbraucht hat, sondern um das Bild von ihm in ihrem Kopf. Dieses Bild wirkt fort im Unbewussten, als sei der Missbrauch gerade eben erst geschehen und prägt ihr Verhalten in allen Situationen ihres Lebens, wie auch die gesundheitliche Verfassung ihres Körpers. Eine Zerstörung dieses Bildes bewirkt nicht die endgültige Eliminierung ihres Onkels in ihrer Innenwelt (und schon gar nicht im Außen). Vielmehr wird dadurch dem Gehirn die Möglichkeit geschaffen, totale Transformationen als neue Erfahrungen zu integrieren und selbstorganisatorisch das Bild des Onkels im Gehirn mit einer (entsprechend!) höherwertigen Qualität neu entstehen zu lassen. Ein emergentes Geschehen.
Leben wird in der Synergetik nach JOSCHKO systemisch aufgefasst als ein Zustand am Rande der Instabilität, durch den Energie hindurch fließt und mit der Welt im Austausch steht. Alle Operationen dienen dabei immer der eigenen Organisation. Es passieren ständig Selbstorganisationen im System mit der Aufgabe, sich selbst zu erhalten bzw. Stabilität zu erzeugen. 30 Diese systemische Betrachtungsweise trifft grundsätzlich auf jedes System zu: Die Bild-Zeitung, die Schulmedizin, der Staat etc. – von außen betrachtet dienen alle Vorgänge innerhalb des Systems selbstorganisatorisch (hierzu zählt auch die Geschäfts- oder Staatsführung) der Selbsterhaltung.
Systeme
verorten sich in einer Umgebung, die Einflüsse ausübt: Steigen die
Verkaufzahlen oder sinken sie, reagiert das "Bild-Zeitungs-System"
entsprechend mit dem Ziel, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen, um erneut
Stabilität zu erzeugen. Das betrifft ebenso Staaten, die auf Finanzkrisen
reagieren, wie auch das menschliche Gesamtsystem bestehend aus Körper,
Geist und Seele. Während einer Session ist es Einflüssen und neuen
Erfahrungen ausgesetzt. Auch hier mobilisieren Herausforderungen bislang gebundene
Energien und auch hier reagiert das System selbstorganisatorisch, um unter den
gegebenen Umständen den möglichst optimalen Zustand zur Herstellung
von Stabilität zu erzeugen. Hierbei orientieren sich die selbstorganisatorischen
Prozesse an den Urbildern, von denen wir als Innenweltbegleiter Kenntnisse und
im besten Fall eigene Erfahrungen haben müssen, um diesen Prozess sinnhaft
zu unterstützen.
Mama und Papa stehen hinter dir, das Innere Kind ist 5-7 Jahre alt, lebendig und läuft durch die Gegend. Oma und Opa, der ganze Klan, steht noch hinter den Eltern, die Innere Frau, der Innere Mann sind einigermaßen erlöst (wir müssen ja auch noch was lernen in der Zukunft) – und mehr ist es nicht! Damit seid Ihr gesund (B. JOSCHKO). |
25 Zur jüngsten Entwicklung dieser Organisationsbionik vgl. BISCHOFF, Jürgen: Die Klugheit der Massen. In: GEO 7 (2009), S. 47-60. 26 Vgl. http://www.bionik.tu-berlin.de/. 27 RECHENBERG, Ingo: Cybernetic solution path of an experimental problem. Royal Aircraft Establishment, Library Translation 1122. Farnborough 1965. 28 Zum Versuch vgl. http://ls11-www.cs.uni-dortmund.de/people/schwefel/EADemos/ sowie http://aiserver.fh-trier.de/~gemmar/local/Seminar/Seminar-GA-EA-SS02/EinsatzGA.pdf. 29 SCHWEFEL promovierte dann 1975 bei RECHENBERG zum Thema "Evolutionsstrategie und numerische Optimierung" und hatte schließlich zwischen 1985-2006 die Professor für Systemanalyse im neuen Studiengang Ingenieur-Informatik an der Universität Dortmund inne (http://Ls11-www.cs.unidortmund.de). 30 Vgl. CAPRA, Fritjof: Lebensnetz. Eine neues Verständnis der lebendigen Welt. Bern [u. a.] 1995. |