4. Das Gehirn

4.1 Aufbau des menschlichen Gehirns

Man unterscheidet vereinfacht vier Hauptbereiche: 1) Das GROßHIRN ist in der Mitte durch einen Einschnitt in zwei Halbkugeln (Hemisphären) geteilt. Diese sind stark gefaltet und gefurcht. Zwischen den Hemisphären gibt es eine breite Verbindung aus einem dicken Nervenstrang (Balken genannt) sowie weitere kleinere Verbindungen.

Die 2-4 mm dicke Oberfläche des Gehirns ist die Großhirnrinde bzw. der Cortex – der "Werkzeugkoffer" (G. HÜTHER). Das Großhirn ist das Zentrum unserer Wahrnehmungen, unseres Bewusstseins, Denkens, Fühlens und Handelns. Im Großhirn herrscht eine Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Bezirken (den sog. Rindenfeldern) von denen drei Typen unterschieden werden:

a) Sensorische Felder: Sie verarbeiten Erregungen, die von den Nerven der Sinnesorgane kommen;

b) Motorische Felder: Sie aktivieren Muskeln und regeln willkürliche Bewegungen;

c) Gedanken- und Antriebsfelder: Sie liegen im vorderen Teil des Gehirns und sind wahrscheinlich die Zentren des Denkens und Erinnerns.

2) Das KLEINHIRN ist der zweitgrößte Gehirnabschnitt. Seine Aufgabe besteht einerseits darin, Bewegungen zu koordinieren und den Körper in Gleichgewicht zu halten. Bewegt man z.B. zum Ergreifen eines Gegenstandes Ober- und Unterarm gleichzeitig, stimmt das Kleinhirn beide Teilbewegungen aufeinander ab, somit wird der Gegenstand relativ genau ergriffen. Ohne diese Tätigkeit des Kleinhirns würde der Arm ruckartige Bewegungen ausführen, die meistens über das Ziel hinausgingen.

3) Das ZWISCHENHIRN ist der Bereich, in dem Gefühle wie Freude, Angst, Wut und Enttäuschung entstehen. Es filtriert den Informationsfluss von den Sinnesorganen zum Großhirn. Unwichtiges wird nicht weitergemeldet. Damit schützt es das Gehirn vor Überlastung. Das Zwischenhirn regelt auch die Körpertemperatur, den Wasserhaushalt sowie weitere lebenswichtige Körperfunktionen.

4) Das STAMMHIRN ist der älteste Teil des Gehirns. Er bildet den untersten Gehirnabschnitt und besteht aus auf- und absteigenden Nervenfasern und Ansammlungen von Neuronen. Der Hirnstamm verschaltet und verarbeitet eingehende Sinneseindrücke und ausgehende motorische Informationen und ist zudem für elementare und reflexartige Steuermechanismen zuständig. Im Nachhirn kreuzen sich die Nervenbahnen der beiden Körperhälften. Außerdem werden hier viele automatisch ablaufende Vorgänge wie Herzschlag, Atmung oder Stoffwechsel gesteuert. Ebenso befinden sich hier wichtige Reflexzentren, die z. B. Lidschluss-, Schluck-, Husten- und andere Reflexe auslösen. Das untere Ende des Nachhirns schließt an das Rückenmark an.

Die Kritik an der aktuellen Hirnforschung zielt vor allem auf die Konzentration der Untersuchungen auf die Funktionen der Rindenfelder. HÜTHER etwa bemängelt, dass vor allem untersucht wird, wo die unterschiedlichen geistigen Kompetenzen des Menschen im Gehirn zu lokalisieren sind, etwa wo sich das Sprachzentrum befindet. Er stellt demgegenüber fest, dass diese Zentren nicht grundsätzlich im Hirn angelegt sind. Vielmehr sind sie eine Folge kultureller Leistungen des heranreifenden Menschen. Entscheidend ist somit vor allem, was und wie jemand etwas in seinem Leben erlebt und erlernt; ein Ansatz der auch für die Synergetik grundlegend ist.

 

4.2 Die Seelenebene des Gehirns

Das Gehirn des Menschen ist ein Beispiel für ein komplexes System, da es aus untereinander vielfach verknüpften Bausteinen aufgebaut ist – den Neuronen und weiteren Begleitzellen, deren Funktion weitgehend unbekannt ist. Bewusstsein ist ein emergentes Phänomen des menschlichen Gehirns.

Im synergetischen Verständnis wird das Gehirn nicht als (mechanistisches) Schubkastensystem verstanden, denn alle gespeicherten Ereignisse sind untereinander hochgradig vernetzt. Jedes Ereignis hat ständig Auswirkungen auf alle Anweisungen des Gehirns. Eine synergetische Veränderung der Ereignisse bewirkt auch eine Veränderung des Gesamtausdruck des Gehirns. Es gibt Bereiche für das Sehen, für das Hören etc. und alle Bereiche sind miteinander vernetzt. Gibt man einen Impuls hinein, etwa: "Stell dir vor, da ist ein Stuhl", dann hat jeder ein Bild von einem Stuhl in der Innenwelt, denn das Wort d. h. ein geringer Impuls von außen genügt.

Jeder Mensch in unserem Kulturraum hat eine grundsätzliche körperliche Erfahrung, wie es sich anfühlt, auf einem Stuhl zu sitzen. Diese Erfahrungen werden nun mit dem Impuls vernetzt zu einer ganzheitlichen Erfahrungen – der Klient kommt sofort in die Aktivität.

 

Wird zudem der Klient aufgefordert, den Stuhl anzusprechen, beziehen wir auch die Geistebene mit ein und nutzen die Fähigkeit des Gehirns, die Informationen, die in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns gespeichert sind, ganzheitlich und komplex zu aktivieren. So verknüpfen wir die Seelenebene mit der Körper- und Geistebene. Verknüpfungen bewirken Rückkopplungen und damit Veränderungen der bisherigen Informationen im Gehirn. Neue Erfahrungen sind so möglich, steckengebliebene Entwicklungen können so nachgeholt werden. Allerdings nicht über das intellektuelle Lernen, sondern über die Erfahrung im Hier und Jetzt.

 

Im Gehirn gibt es objektiv kein "unten" und "oben", kein "innen" und keine "außen". Gehen wir in der Innenwelt ein Treppe hinunter, benutzen wir einen Trick, da wir mit „unten“ Erfahrungen assoziieren, die mit "Tiefe", "Keller" u. ä. zu tun haben. Damit erzeugen wir Bilder, die damit zu tun haben. Wir nutzen den Trick, scheinbar nach unten zu gehen – obwohl es im Gehirn kein „unten“ gibt, sondern lediglich komplex vernetzte Informationen –, um die Assoziationsfähigkeit des Gehirns zu nutzen. Häufig erscheinen Treppen, Löcher, Gänge etc. auch von selbst. Offenbar wird mit „unten“ häufig der "Schatten" 19) assoziiert: das, was unsichtbar ist und als Attraktor aus dem Unbewussten die Aufmerksamkeit auf sich zieht – in der Synergetik geht es um Schattenarbeit.

 


Selbstorganisation durch Rückkopplungen im Gehirn

Wenn wir ins Gehirn gehen, gehen wir in die "Software", in den Ausdruck des Gehirns und sehen Bilder. Rückkoppeln wir einen Teil mit einem anderen Teil, so lösen wir Prozesse aus, die sehr komplex sind. Und wenn wir diesen Selbstorganisationsprozess ständig machen, dann verändert sich sowohl die "Software" als auch die neuronale Struktur des Gehirns tatsächlich über die Selbstorganisation.

So bauen wir unser Gehirn sukzessive Stückchen für Stückchen durch Erfahrung um. Dabei gehen wir nicht über die Reflexion. Wir reden nicht über etwas („Da ist meine Mama, der geht’s nicht gut...“), da sich so nur sehr wenig im Gehirn verändern würde. Wir sagen: Sag's der Mama direkt! Etwa: „Du siehst aber heute nicht gut aus, du hast so ein komisches Gesicht...“. Das Bewusstsein des Klienten redet in dem Moment direkt mit der Mama. So entsteht eine Rückkopplung, weil die angesprochene Mama sein Bild von ihr in seiner Innenwelt ist – ein Teil, seines Gehirns.

Wir achten darauf, dass der Klient immer in der Gegenwart und in der direkten Ansprache bleibt, um fortwährend Rückkopplungen zu erzeugen. Wenn der Klient über die Mama redet, passiert gar nichts; wenn er jedoch mit ihr in der Gegenwart redet, geschieht Selbstorganisation (B. JOSCHKO).

 


19 Vgl. den Archetypus des Schattens bei Carl Gustav JUNG. Etwa in: BRUMLIK, Micha: C. G. Jung zur Einführung. Hamburg 1993, S. 67; ausführlich in: JUNG, Carl Gustav: Gesammelte Werke. Olten/Freiburg 1960-1983, Bd.: 9/I: Die Archetypen und das Kollektive Unbewußte.