2. Wahrnehmung und die strukturwissenschaftliche Synergetik

Es gibt sie zwar, die objektiven Dinge in der Welt: Bäume, Häuser, Autos, Vögel, Schule, Eltern und Beruf – doch werden wir sie "objektiv" nie zu Gesicht bekommen. Viel zu sehr ist unsere Wahrnehmung von unseren Erfahrungen mit diesen Dingen geprägt: Der Baum, von dem wir gefallen sind; Automarken, die uns etwas über den vermeintlichen gesellschaftlichen Rang des Besitzers mitteilen; Eltern, von denen wir mehr oder weniger viel Liebe erfuhren, die uns prägten für alle möglichen späteren Lebenslagen und den Umgang mit anderen Menschen. Bei jedem Menschen etwas anders oder auch ganz anders. Wahrnehmung ist somit abhängig vom Kontext. Er entscheidet, was ein Mensch zunächst wahrnimmt.

Und obwohl Prinzipiell beide hier abgebildeten Wahrnehmungen gleichwertig sind (Bistabilität), kann es vorkommen, dass eine Wahrnehmung (z. B. die der zwei Gesichter) überwiegt und nur gelegentlich durch die andere (Vase) unterbrochen wird. Was wir sehen, bzw. vornehmlich sehen, ist abhängig von der Ausgangsposition, das heißt von dem, welche Erfahrungen im Gehirn gespeichert sind oder, als Graphik ausgedrückt, ob die Kugel anfangs eher links oder eher rechts von der Mitte liegt.

Durch Zugabe von Informationen (betrachte die schwarzen Figuren oder beachte zunächst nur die weiße Fläche), ist es möglich, die Ausgangslage der Kugel im Vornherein oder im Nachhinein zu verschieben. Zusätzliche Informationen destabilisieren scheinbar feste Wahrnehmungsgewohnheiten, schaffen Chaos und können die Wahrnehmung erweitern. Dies betrifft ebenso Kipp-Figuren, gesellschaftliche Vorurteile wie auch synergetische Transformationen in der Innenwelt. Auch hierbei genügen in der Regel kleine Veränderungen – insbesondere durch Rückkopplungen unterschiedlicher Persönlichkeitsanteile –, um die Qualität der Innenwelt zu einer höheren Ordnung hin zu verändern.

 

 

 

Es ist nicht nötig, das ganze Gehirn zu verändern, sondern nur partiell. Wir brauchen nur Kleinigkeiten zu verändern, um möglichst mit ganz wenig ganz schnell eine große Wirkung zu erzeugen (B. JOSCHKO).

 

Die Grundlagenforschung dazu betrieb in den 80er Jahren Hermann HAKEN, der in seinen strukturwissenschaftlichen Forschungen universale Gesetzmäßigkeiten untersuchte, wie Strukturen in der Natur und im menschlichen Umgang miteinander entstehen und welche winzig kleinen Einflussgrößen manchmal nur nötig sind, damit sich das Verhalten großer Systeme komplett verändert. Dass Kleines Großes bewirken kann, war dabei eine bahnbrechende Erkenntnis. Sie steht im Zusammenhang mit der damals aufkommenden Chaostheorie, von der noch die Rede sein wird. Entgegen der üblichen wissenschaftlichen Gewohnheiten ging es HAKEN nicht mehr darum, die Untersuchungsgegenstände in handliche Portionen zu zerlegen, sondern darum, zu verstehen und wissenschaftlich zu beschreiben, wie die Einzelbestandteile zusammenwirken. Für diese Forschungen prägte er den Begriff 'Synergetik'.

Das Wort 'Synergetik' stammt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie Lehre des Zusammenwirkens.

Die strukturwissenschaftliche Synergetik ist dabei bewusst fachübergreifend angelegt, um zu allgemeingültigen Aussagen kommen zu können. Was dabei genau untersucht wird (wie es also kleinen Einflüssen konkret gelingt, Großes zu verändern) und wie die Ergebnisse der strukturwissenschaftlichen Synergetik auf die Innenwelt des Menschen übertragen werden können, behandelt der folgende Abschnitt. Im Sinne eines synergetischen Grundverständisses geht es dabei um: 1) die theoretischen Wurzeln der Synergetik, die in der strukturwissenschaftlichen Synergetik Hermann HAKENs liegen; 2) die Bedeutung von Kipp-Punkten in Veränderungsprozessen sowie um ihre Entstehung, verdeutlicht an physikalischen und psychischen Beispielen (BénardExperiment / Kipp-Figuren); 3) die Relevanz des Kontextes in Veränderungs- und Wahrnehmungsprozessen. Der Kontextbezug ist aufgrund der im menschlichen Gehirn stets vernetzt abgespeicherten Erlebnisse und Lebenserfahrungen allgegenwärtig und damit für synergetische Innenweltreisen ausgesprochen wichtig.

Ein Experiment zur Wahrnehmung

1) Nimm Deinen gesamten Raum, in dem Du Dich befindest, einmal ganz bewusst wahr. Suche alle Gegenstände, die grün sind oder in denen Grün enthalten ist. Merke Dir diese grünen Gegenstände und ihre Anzahl.

2) Lese bitte erst weiter, wenn Du die grünen Gegenstände im Zimmer wahrgenommen und Dir sie gemerkt hast.

3) Schließe jetzt gleich die Augen und stelle den Raum genau vor. Nun suche mit Deinem inneren Auge bitte alle roten Gegenstände zusammen und merke Dir deren Anzahl...

Wie viele rote Gegenstände waren da? Waren da überhaupt welche? Was sehen wir in einer übervollen Fußgängerzone? Was sieht der Freund neben uns, mit dem wir zusammen durch die Menschenmenge gehen?

In dem Wahrnehmungs-Experiment bestimmt die Vorgabe, sich grüne Gegenstände zu merken, die Grenzen der Wahrnehmung und den Ausschluss andersfarbiger Gegenstände. Doch was diktiert die Selektion in der Fußgängerzone? Wen nimmt mann wahr, wen nimmt frau wahr? Welcher "Märchenprinz" geht gerade ungesehen an ihr in der Fußgängerzone vorbei, weil ihre Männer-Wahrnehmung noch immer von ihren Erfahrungen mit Papa geprägt wird und sie sich immer wieder diesen gewissen Typ Mann im Leben aussucht, mit dem es einfach nicht so recht klappen will? Die Selektion solch komplexer Wahrnehmungsmuster hängt dabei genauso wie bei dem obigem einfachen Wahrnehmungsbeispiel (Zwei Gesichter / Vase) von recht geringen Einflussgrößen ab, die Hermann HAKEN in seinen Forschungen systematisch und allgemeingültig untersucht hat.