18. Energiefluss im Beziehungsleben
18. 1 Frühere und aktuelle Beziehungen
Wir
leben in einem Netzwerk aus Beziehungen – in der Familie, 65) mit dem
Partner (und den Ex-Partnern), im Geschäftsleben und auf der Arbeit, im
Freundes- und Bekanntenkreis – und erleben Still-stand und Bewegung im
Energiefluss. Mit wem kann ich gut und mit wem geht es gar nicht? Welche Kontakte
ignoriere ich, gleichwohl sie bestehen und mein Leben beeinflussen?
Wie viele Bekanntschaften habe ich und welche Qualität haben meine Freundschaften?
Wie oberflächlich, wie tief, wie ehrlich, wie lebendig ist mein Beziehungsleben
und wie leicht oder schwer fällt es mir, mit jedem x-beliebigen Menschen
eine situativ angemessene Beziehung einzugehen? Bin ich eher handlungskompetent
oder eher mustergeprägt in meinem Beziehungsleben? Und was geschieht mit
mir, wenn mir im Außen meine Anima/mein Animus oder mein Ex-Partner begegnet?
Alte Beziehungen spielen selbst dann noch eine Rolle im Leben,
wenn der Kontakt vielleicht schon seit Jahren zum Erliegen gekommen ist. Auf
welche Weise gingen die Menschen (im Außen) auseinander und wie viel Energie
befindet sich (in ihrem Innern) noch in Spannung? Häufig sind es auch die
in alten Beziehungen gemachten Er-fahrungen, die die Beziehung zu aktuellen
Lebenspartnern belasten. Eifersucht etwa aufgrund des Fremdgehens des/der Ex-Partner
kann auch in der aktuellen Beziehung noch solange ein Thema sein, bis es auf
der Seelenebene bearbeitet wurde. Es bestimmt bzw. verzerrt mehr oder weniger
die persönliche Wahrnehmung des Betroffenen – zum Teil auch völlig
unabhängig vom realen Verhalten des neuen Partners und konfrontiert diesen
unter Umständen mit Musterhandeln und aus der Luft gegriffenen Vorwürfen,
die ihm einiges an Bewusstheit und Verständnis abverlangen. Mitunter führt
die Aufdeckungsarbeit selbstähnlicher biographischer Situationen jedoch
auch über den/die Ex-Partner zurück bis in die frühkindliche
Prägephase. Dass Mama nicht genug Liebe aufbringen konnte, kann maßgeblich
dazu beitragen, dass im Erwachsenenleben unbewusst ein vermuteter oder begründeter
Verdacht auf Liebesentzug noch immer existenzbedrohlich aufgefasst wird. Ist
dieses Thema jedoch in seinen unterschiedlichen selbstähnlichen Ausprägungen
erlöst und die erlittene seelische Verletzung geheilt, kann der persönliche
Selbstwert erkannt und die Projektion der Eifersucht aufgelöst werden.
Neben der Eifersucht können es Gefühle des Verlangens, der Schuld,
der Scham, der Ent-täuschung, des Hasses usw. sein, die uns in der Innenwelt
noch immer an frühere Partner binden. Häufig sind diese Gefühle
gut verborgen und auf die Frage im Vorgespräch, ob ihn denn noch etwas
an sie binde, antwortet vielleicht der Klient mit einem erstaunlich vehementen
„Nein! Wieso denn? Was soll diese Frage denn nun wieder?!“ Unsere
Schattenanteile liegen in der Regel verborgen im Unbewussten und sind obendrein
nicht selten mit einem gewissen Schamgefühl verbunden. 66)
Um also dem unbewussten Anteil im Klienten auch einmal Gelegenheit zu geben,
zu Worte zu kommen, bietet sich ein Perspektivenwechsel an.
Die Frage, der wir während einer Innen-weltreise nachgehen können,
könnte etwa sein: Will der Ex-Partner noch immer etwas von uns oder ist
die Sache für ihn erledigt? Dies beschert uns unbewusste Antworten auf
die Frage, was will ich noch immer von ihm, was bindet mich und meine Energie
an ihn, denn der Partner, der in der Innenwelt auftaucht, ist schließlich
nicht der Partner im Außen, son-dern er ist ein Persönlichkeitsanteil
von uns selbst – die Summe aller Erfahrungen, die wir mit ihm gemacht
haben – und er ist ein Teil unserer Innenwelt geworden. Wenn dieser Anteil
sagt: „Nein, ich kann Dich noch nicht loslassen, dann bedeutet das nicht
zuletzt, dass ein Teil in uns noch nicht loslassen kann.
Vielleicht versteht der Klient diese Zusammenhänge bereits während
der Sitzung, doch sollte es der Begleiter vermeiden, ihn während der Sitzung
darüber aufzuklären („schau mal: das bist Du“), denn er
würde beginnen, auf der kognitive Ebene darüber nachzudenken und verbliebe
nicht im Gefühl. In der Sitzung ist es jedoch wichtig, so lange auf der
Gefühlsebene zu arbeiten, bis der Ex-Partner seine grundsätzliche
Zustimmung und Unterstützung artikuliert („ich kann Dich nun gehen
lassen“, „nun kannst du tun, was du willst“, „ich bin
dir wohlgesonnen“ etc.).
Während einer Innenweltreise lassen sich nach und nach sämtliche Ex-Partner
gleichsam einer synergetischen Aufstellung aufrufen (siehe unten Kap. 3.1.2:
Aufstellungen in synergetischen Prozessen). So lässt sich durch Rückkopplungen
und Heineinspüren systematisch aufdecken, ob die alten Beziehungen gelöst
oder ungelöst sind und inwieweit sie Einfluss auf das aktuelle Beziehungsleben
nehmen, indem sie noch Energien binden: Vielleicht denke ich ja nur, dass ich
einen neuen Lebenspartner suche – während es in meinem Unbewussten
eine Arbeitsanweisung gibt, die aufgrund der gemachten Erfahrungen dafür
sorgt, dass ich mich („zufällig“) immer nur in Menschen verliebe,
die bereits „in festen Händen“ sind. Oder, dass ich überhaupt
niemand passendes mehr finde, was mir unbewusst bei all der damit verbunden
Einsamkeit die „Vorteile“ einbringt, mich einerseits nicht mit meinen
erlittenen Verletzungen auseinander setzen zu müssen und andererseits durch
Projektionen das Problem nach außen verlagern zu können („alle
Männer sind Schweine!“). Innenweltreisen machen sichtbar, dass ich
mit einem Gefühl lebe, dass dieser mich noch hasst oder ich jenem noch
nicht verziehen habe, obwohl ich dachte, die Sache sei schon lange erledigt.
Wesentlich ist im Zuge dieses Klärungs-prozesses immer auch die Einbindung
der eigenen inneren Eltern, um herauszufinden, wo die (Selbst-)Ähnlichkeiten
und die inter-generativen Muster sind („lass deine Mama mal dazukommen
und schau, was passiert“, „wie gehen sie miteinander um?“
etc.).
Auch in Bezug auf den aktuellen Beziehungspartner lässt
sich fragen, ob und inwieweit die Beziehung frei ist. 67) Kann ich den anderen
so sein lassen, wie er ist oder bin ich in dieser Partnerschaft von meinen Handlungsmustern
bestimmt? Dominanz, Scham, Eifersucht, übertriebene Nachgiebigkeit sind
auch hier unterschwellige oder offen liegende Themen. Inwieweit bin ich wirklich
frei und kann auch den anderen frei lassen, um seine eigenen Erfahrungen zu
machen? Wie sehr bin ich abhängig von ihm? Bin ich angewiesen auf seine
Sicherheit, Stärke, Anerkennung, auf die alltägliche Gewohnheit? Welche
Freiheiten versage ich mir lieber, damit mein Partner – wenn er selbiges
für sich reklamiert – mich nicht mit meinen tiefsten Verlustängsten
konfrontiert? Bin ich handlungskompetent?
Die genannten Aspekte beschränken sich nicht nur auf partnerschaftliche
Liebes- oder Ehebeziehungen. Sie gelten entsprechend für sämtliche
sozio-kulturellen Beziehungen, die wir bewusst oder unbewusst,
willentlich oder unabsichtlich eingehen: In der Nachbarschaft oder im Beruf,
etwa hinsichtlich der Kollegen und Chefs oder in Bezug auf die Tatsache, dass
ich vielleicht schon seit Monaten keinen neuen Job finde, weil ich mit dem alten
noch nicht abgeschlossen habe. Auch ethnischen Zugehörigkeiten sind darunter
zu verstehen, denn welchem Volke fühle ich mich zugehörig, wenn meine
Eltern aus verschiedenen Ländern kommen? Wie sehr ist mir die ethnische
Zugehörigkeit zu Hause bewusst – wie sehr im fernen Urlaubsland –
wie sehr als Arbeitsmigrant oder gar während einer unfreiwilligen Flucht
vor Krieg und Unterdrückung? Schließlich sei auch die eher auf abstrakter
Ebene angesiedelte Beziehung zum Thema Geld zu nennen. Energiefluss im Leben
drückt sich nicht zuletzt in dem Umstand aus, ob ausreichend Geld in meinem
Leben fließt: Wie viel kommt rein? Wie viel geht raus? Neige ich zum Horten
oder zur Verschwendung? Wie viel bin ich mir wert? – Diese Frage stellt
sich spätestens dann, wenn ich beginne, Geld für das Begleiten von
Innenweltreisen zu verlangen. Wie viel ist mir meine Arbeit wert? Wie viel ist
sie anderen wert? Wie weit liegen hier Schein und Sein auseinander?
Alle alten und aktuellen Beziehungen bilden in unserer Innenwelt ein dichtes
Netz biographisch relevanter Innenweltbilder (Situationen und Emotionen) und
bestimmen die Art und Weise, wie sich unsere Innenwelt darstellt; das heißt,
ob eher Stillstand oder eher Bewegung die Innenwelt eines Klienten in Bezug
auf ein bestimmtes Thema beherrscht.
18. 2 Familienstruktur
18. 2. 1 Formate der Systemaufstellungen
Theorie
und Methodik der Familienaufstellung beruhen auf der Mehrgenerationen-Perspektive
der Familientherapie, auf den Methoden der Familienrekonstruktionsarbeit und
vor allem das Stellen von Familienskulpturen, die ein wichtiger Bestandteil
der Systemischen Therapie 68) sind. Hier wird das Individuum u. a. als familiengeprägtes
Wesen verstanden, dessen Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten durch
die Geschichte der vorhergehenden Generationen, durch überkommene Regeln,
Muster und Loyalitäten stark mitbestimmt werden. Die Methodik entwickelte
sich aus ähnlichen Aufstellungsformen, wie etwa das „Psychodrama“
des österreichischen Arztes Jakob Levy MORENO (1889-1974).
Er wählte Stellvertreter für die jeweiligen Personen, die an einem
in der therapeutischen Arbeit zu betrachtenden Konflikt beteiligt waren. Großen
Einfluss hatte zum anderen die „Familienskulptur“, auch „Familienrekonstruktion“
genannt, die Virginia SATIR (1916-1988) in 1970er-Jahren entwickelte. Dieses
Verfahren betont die Bedeutung der räumlichen Anordnung bei der Prozessarbeit.
Um die Bedeutung der Position von Familien-mitgliedern kenntlich zu machen,
wird eine „Familienskulptur“ erstellt, indem auch hier der Auf-stellende
nach dem Gespräch mit dem Leiter unter den anwesenden Personen sogenannte
Stellvertreter entsprechend seiner Frage aus-wählt und diese intuitiv im
Raum platziert. 69) Diese Technik ermöglicht es den Klienten, Familienbeziehungen
nonverbal darzustellen und zu erkennen. Widersprüche oder Abweichungen
zwischen dem, was körperlich gezeigt und dem, was gesagt wird, können
reflektiert werden. Da hinderliche Pflichtgefühle kaum eine Rolle spielen,
kann so ein recht wirklich-keitsgetreues Abbild der Gefühlsbeziehungen
innerhalb der Familie entstehen.
Anhand
der dargestellten Konstellation kann sich der Therapeut ein Bild von dem sozialen
Gefüge machen, in dem der Klient lebt und von dem er beeinflusst wird.
Gleichzeitig ist es dem Klienten möglich, innerhalb dieses nun auch in
äußerlich sichtbarer Weise dargestellten Beziehungsgeflechtes gleich
eine Reaktion auf sein Verhalten zu erfahren, die anschließend auf der
verbalen und emotionalen Ebene befragt werden kann.
Aufgrund der sich daraufhin entwickelnden psychischen Dynamik sollen die so
gestellten Stellvertreter sich nach einer Zeit der Sammlung in der Regel so
fühlen wie die von ihnen repräsentierten Personen. Die Stellvertreter
können nun ihre ei-genen Empfindungen und Gefühle „ausdrücken“,
die damit für die Anwesenden wahrnehmbar wer-den. Manche Leiter gehen davon
aus, dass der Aufsteller die Lösung seiner Konflikte und Probleme bereits
kennt und sie durch die Aufstellung aus dem Unbewussten oder einem verdrängten
Zustand an die Oberfläche des Bewusstseins bringen kann. Zur Beschreibung
der auftretenden transpersonalen Effekte der teilnehmenden Personen werden unterschiedliche
Erklärungsmodelle herangezogen, 70) etwa die Theorie der morphogenetischen
Felder (vgl. Synergetik Basic 1/4, Kap. 7: Morphische Felder) für
Systemaufstellungen auch „das wissende Feld“ genannt.
Neben dem Familienaufstellen in einer Gruppe von etwa 20 Menschen gibt es auch
die Möglichkeit, nur mit einem Therapeuten und Symbolen für die einzelnen
Familienmitglieder ein soziales Gefüge aufzustellen. Schließlich
gibt es eine weitere Form, in der der Aufsteller nur eine Person für sich
selber aufstellt und dann Mitglieder der anwesenden Gruppe auf diese Situation
reagieren und sich zu der aufgestellten Person an „passenden“ Plätzen
im Raum hinzustellen.
Große
Bekanntheit, aber auch viel Kritik haben die Familienaufstellungen Bert
HELLINGERS erfahren, 71) der sie im Rahmen von Großveranstaltungen
publikumswirksam inszenierte und damit viel zu dem Bild beitrug, dass Familienaufstellungen
als "Ultra-Kurz-Event" große Veränderungen herbeiführen
kön-nen. In den Familienaufstellungen postuliert HELLINGER die Existenz
vorgegebener Grundordnungen und Hierarchien und vertritt seine Konzepte, Interpretationen
und Interventionen immer wieder mit einer Absolutheit, die die Autonomie der
Klienten einschränkt: Es gebe eine Ordnung im Leben in jeder Familie nach
der etwa jeder Erstgeborene seinen Platz vor dem Zweitgeborenen habe. Diese
Ordnung sei ein Naturgesetz, egal ob sie uns gefalle oder nicht. Oder etwa,
dass Kinder ihre Eltern lieben wollten. Werde dieser "Fluss der Liebe"
unterbrochen, schlage er in Schmerz, Verzweiflung oder in Krankheit um. Wenn
man hingegen den Eltern Ehre erweise – ganz gleich, was sie einem angetan
hätten – komme etwas tief in der Seele in Ordnung. 72) In der Regel
werde die "Ordnung" dadurch wiederhergestellt, dass Kinder sich vor
den Elternstellvertretern verbeugen und diesen damit die Ehre erweisen: Und
wenn einer den Kopf leicht nach vorne neigt, fließt Energie. Er kommt
viel mehr in Kontakt mit der Erde. Und wenn jetzt das einer vor seinen Eltern
macht und macht das noch tiefer, dann bringt er die ursprüngliche Ordnung
zur Geltung, nämlich dass die Eltern groß sind, und er ist klein.
73)
Derartige Vorannahmen über Positionen im Familiengefüge und über
Lösungswege erscheinen auch aus synergetischer Sicht unzulässig und
unseriös, da die im Seelenfeld abgelegten Informationen stets sehr komplex
und höchst individuell sind und in Innenweltsitzungen allein der „Energiefluss“
offenbart, wer mit wem und was in welcher Qualität verknüpft ist (vgl.
Basishandwerkszeug).
Grundsätzlich lässt sich die Aufstellungstechnik mit ihren symbolischen
Raumbezügen sehr vielseitig einsetzen und so werden sie heute in ganz unterschiedlichen
Bereichen angewendet, unter anderem im Rahmen von Innenweltreisen (vgl. folgendes
Kapitel). Der Ausdruck 'Systemaufstellung' dient dabei als
Oberbegriff für verschiedene Aufstellungsformate, von denen die Familienaufstellung
die bekannteste ist Grundsätzlich lassen sich mittlerweile alle Arten von
Themen aufstellen (freie Aufstellungen). Ein Kernpunkt des
methodischen Vorgehens bei der Durchführung von Systemaufstellungen ist
es, insbesondere solche Systemdynamiken durch die Aufstellungsmethode zu betrachten,
die durch logisch-rationale Erwägungen im Allgemeinen weniger effektiv
erfahrbar gemacht werden können. Bei allen Systemaufstellungen wird davon
ausgegangen, dass die Vertreter in dem so aufgestellten System Aussagen machen
(können), die den Aussagen bzw. Dynamiken des realen Systems nahe kommen
und so eine Hilfe für Entscheidenden darstellen.
Die Zielsetzungen können dabei ganz allgemein Klärungsanliegen oder
Fragen zum Management und Selbstmanagement innerhalb sozialer Systeme sein,
etwa aus dem beruflichen Kontext mittels Organisationsaufstellungen
bzw. Teamaufstellungen. Ein System besteht aus Elementen, die
zueinander in Beziehungen ste-hen. Eine Organisation oder eine Abteilung lässt
sich als „Makrosystem“ betrachten, das aus einzelnen Mitarbeitern
be-steht, die zueinander in Bezug stehen. Hinter diesen stehen aber auch jeweils
die eigenen Familiensysteme (also „Mikrosysteme“), gekennzeichnet
durch eine je eigene Dynamik und gegebenenfalls „Blockaden“, die
in die Arbeit der Organisation möglicher-weise beeinflussend hineinwirken
können. Die Mitarbeiter mit ihrer Loyalität und ihrem Zugehörigkeitsgefühl
können dabei betrachtet werden als Schnittstelle zwischen dem Erfolg und
Misserfolg.
Daneben gibt es auch Aufstellungsformate zur Förderung der spirituellen
Entwicklung, zum Beispiel Archetypaufstellungen oder Systemaufstellungen mit
Vertreter-bezeich-nungen, die der antiken Mythologie oder den spirituellen Traditionen
östlicher und auch westlicher Weltreligionen entlehnt sind.
18. 2. 2 Aufstellungen in synergetischen Prozessen
Wie
auch in klassischen (freien) Systemaufstellungen lassen sich synergetische Auf-stellungen
zu ganz unterschiedlichen Themen und Fragestellungen durchführen. Die in
einer Systemaufstellung relevanten symbolischen Raumbezüge treten grundsätzlich
bei jeder Innenweltreise auf und geben Aufschluss über die Qualität
der zwischen-menschlichen Beziehungen. Ein Innerer Papa etwa, der in einem Symbolraum
im Gegensatz zur restlichen Familie hinten in einer dunklen Ecke steht, birgt
allein aufgrund seiner Position schon eine Information zum Thema.
Es lassen sich jedoch auch eigens Themen in der Innenwelt aufstellen, etwa um
die Qualität von Familienstrukturen, Geschäftsbeziehungen und -entwicklungen
zu offenbaren, aber auch, um beispielsweise Informationen zur finanziellen Situation
oder zum spirituellen Entwicklungsstand etc. aufzudecken. Hierbei können
ganz unterschiedliche Personen und Symbole auftreten, angefangen von den inneren
Eltern und sonstigen Familienmitgliedern über Bekannte bis hin zu Symbolfiguren,
Teilpersönlichkeiten (Innere Frau, Innerer Mann, Inneres Kind usw.) und
Persönlichkeitsaspekten (Verstand, Gefühl, Kreativität, Mut etc.).
Die Kreativität, mit der Systemaufstellungen im Außen praktiziert
werden, ist aus-gesprochen anregend für die Arbeit in der Innenwelt. Eine
eingehende Beschäf-tigung damit schärft den Blick für innere
Zusammenhänge und bietet einen reichen Ideen-schatz möglicher Anwendungsfelder
für die Arbeit in der Innenwelt.
Ein wesentlicher Unterschied zu Aufstellungen, die im Außen stattfinden,
ist, dass keine Stellvertreter bemüht werden müssen, was den enormen
Vorteil mit sich bringt, dass der Klient alle Sinneseindrücke – räumliche
Positionen, Perspektiven, Gefühlsregungen und -ausbrüche – durch
Hineinversetzen und Hineinspüren unmittelbar und in seiner ganzen Breite
körperlich und seelisch selbst erfahren kann. Aufgrund dieser Unmittelbarkeit
lassen sich auch „Verzerrungen“ vermeiden, die durch die Einbeziehung
der Wahrnehmung anderer Personen entstehen können.
Aufstellungen in der Innenwelt sind sehr dynamisch und bieten jederzeit die
Möglichkeit, in eine tiefer gehende synergetische Prozessarbeit einzusteigen,
um hinterher zu überprüfen, wie sich das Bild verändert hat,
das die Aufstellung gezeigt hat. Insgesamt bietet die Innenweltreise viele zusätzliche
Informationen, dadurch dass sich der Klient selbst an den innenweltlichen Ort
der Begegnung begibt:
Schreibt der Klient etwa „Familienaufstellung“ auf die Tür
und betritt einen barocken Festsaal, in dem seine Familie ihn erwartet, ist
das eine ganz andere Information, als wenn er durch die Tür eine unterirdische,
übel riechende Kanali-sation betritt, in der sich zunächst niemand
befindet und die Familienangehörigen auch nur zögernd kommen, wenn
sie gerufen werden. Nicht zuletzt die dynamischen Elemente bieten eine hohe
symbolische Aussagekraft: Wie kommen die Familienmitglieder? Wer kommt zuerst?
Wer nur zögerlich? Mit welchem Gesichtsausdruck kommen sie? Wer steht wo
und wie fühlt es sich aus unserer Position und aus der Position der anderen
an? Wer befindet sich im Licht und wer steht im Dunkeln? Wer hat Boden unter
den Füßen und wer nicht? Wer antwortet uns und wer löst sich
in Nichts auf, wenn wir ihn ansprechen wollen? Welche weiteren Personen (Bekannte,
Freunde etc.) oder Symbolfiguren (Tiere, Instanzen, Helfer) kommen vielleicht
auch ungefragt hinzu? Ein emergentes Geschehen! 74)
Alle Personen und Gegenstände lassen sich durch Hineinspüren erforschen
und weiten damit den persönlichen Blick auf das Thema: das leere Glas auf
dem Tisch, die Innere Mama, das abgerissene Innere Kind dort hinten in der dunklen
Ecke, der kleine Hund der kommt und was Wesentliches mitzuteilen hat, der ganze
Ort des Geschehens – das alles sind wir selbst und sonst niemand! –
Selbsterfahrung pur.
Mitunter erkennt der Klient zunächst gar nicht, welche Informationen sich
im Bild des Inneren Kindes in der dunklen Ecke oder im Bild der desinteressierten
Mutter verbergen – „so ist es nun einmal!“ – es ist
die bildhaft sichtbar gemachte Normalität seines Lebens! Häufig sind
Klienten auch nicht unangenehm davon berührt, wenn die Innenwelt zu bestimmten
Themen dunkle, feuchte Kellerräume hervorbringt; es fühlt sich stimmig
an, weil sich auch das Leben nun einmal so anfühlt – in der Wahrnehmung
des Klienten wohlgemerkt. Jeder Außenstehende, der Begleiter ebenso wie
unbeteiligte Zuschauer, ahnen hingegen bereits bei derartigen Innenweltbildern
das Ausmaß der dahinter lie-genden seelischen Verletzungen. Selbst wenn
man den Klienten darauf aufmerksam machen würde, wüsste er nicht,
wie daran etwas zu ändern wäre ... in den Bildern und in seiner Ratlosigkeit
erkennen wir den wirkenden Negativ-Attraktor in seinem Leben. Häufig ist
dieser so mächtig, dass sich der Mensch allein nicht davon befreien kann
und Hilfe von außen benötigt. Übergestülpte Interpretationen
und gutes Zureden sind allerdings kaum dazu geeignet, den in der Seele verwurzelten
Attraktor dauerhaft zu deaktivieren, da er ein sinnvolles Produkt der bisherigen
Erfahrungen im Leben darstellt (vgl. Synergetik Basic 3/4, Kap. 3: Komplexität
in der Innenwelt). Dafür bedarf es eines Selbstorganisationsprozesses auf
der Erfahrungsebene, den etwa die synergetische Rückkopplungsarbeit anregen
kann (vgl. Basishandwerkszeug). Die Aufmerksamkeit bei der Begleitung liegt
dabei auf der Herbeiführung von Rückkopplungen zwischen den beteiligten
Persönlichkeitsanteilen und nicht auf dem Vorschreiben eines Resultats,
das aufgrund der Komplexität und Individualität einer jeden Innenwelt
nicht vorhergesagt werden kann.
Weg-Orientierung durch Rückkopplung und Energieerhöhung 75) statt Ziel-Orientierung |
Die kreativen Lösungen, die das Unbewusste infolge von Rückkopplungen
selbstorganisatorisch generiert, sind immer wieder überraschend und in
ihrem konkreten Ausdruck für den Klienten unvorhersehbar. Allerdings ist
ein gängiges Ergebnis, dass es nicht darum geht, das die Kinder ihre Eltern
zu achten haben, sondern umgedreht, dass die Eltern hinter ihren Kindern zu
stehen haben. Dies ist das übliche (aber eben nicht zwingend notwendige)
natürliche Ergebnis von Selbstorganisationsprozessen im Zuge von Innenweltreisen
und beinhaltet auch die "rückgekoppelte" Achtung der eigenen
Eltern. Der Weg dahin unterscheidet sich allerdings wesentlich von HELLINGERS
vorgegebenem Dogma.
Konkret
besteht bei der Begleitung einer synergetischen Aufstellung die Hauptaufgabe
des Begleiters darin, einen Selbstorganisationsprozess anzustoßen, beziehungsweise
ihn in Gang zu halten. Dieser wird durch Energiezufuhr ausgelöst („Scheibchenziehen“).
Dies kann so erfolgen, dass inneren Anteile dazu angeregt werden, sich mit den
anderen Teilen des Systems zu konfrontieren – beispielsweise durch die
Aufforderung hinzuschauen, näher zu gehen, mehr zu atmen, Worte oder Sätze
aufsteigen zu lassen und den inneren Impulsen zu folgen. Wichtig ist dabei,
dass der Begleiter keine Strategien oder Ziele verfolgt, sondern sich am Energiefluss
im System orientiert. Dadurch wird das bestehende System destabilisiert und
in ein deterministisches Chaos überführt, infolge dessen es sich selbstorganisatorisch
eine neue Ordnung sucht, die dem momentanen Optimum entspricht. Vielleicht reagiert
die vordem uninteressierte Innere Mutter infolge von Rückkopplungen nun
mit einer gewissen Betroffenheit und gibt sich hilfsbereiter, was infolge der
weiteren Sitzung(en) weiter optimiert werden kann (Transformation von Stillstand
zu Bewegung). Insgesamt bieten sich synergetische Aufstellungen an, mit früheren
und späteren Sitzungen verknüpft zu werden, da transformierte innere
Anteile und Personen auch in anderen Sitzungen aufgerufen werden können
– etwa in einer Sitzungen zum tieferen Lebenssinn. Hier können wir
erkennen und begreifen, für welche wichtigen Lebenserfahrungen wir gerade
diese Mutter, diesen Vater, diese Familie benötigten. Unter Einbeziehung
dieser übergeordneten Fragen können wir in so manchem erlittenen seelischen
Leid plötzlich einen tieferen Sinn erkennen, der uns vordem verschlossen
war. Diese wichtige Perspektive behandelt das nun folgende letzte Kapitel.
| 66) Vgl. dazu auch BETZ, Robert T.: Wahre Liebe lässt frei! Wie Frau und Mann zu sich selbst und zueinander finden. München 2009. 67) Als 'Systemische Therapie' (auch: Systemische Familientherapie)
wird eine psychotherapeutische 68) Bei einer anderen Variante stellen sich die tatsächlichen Familienmitglieder in ihrem subjektiv passenden Abstand zueinander im Raum auf und nehmen zueinander eine körperliche Haltung ein, die die Beziehungen der Familienmitglieder zueinander ausdrückt. Dies unterstützen sie durch Gestik und Mimik. Dieses Standbild gleicht der Skulptur eines Bildhauers. Die Familienmitglieder werden nach ihrer Wahrnehmung, ihren Gefühlen und Impulsen befragt. Ferner sind auch Einzelsitzungen möglich, wobei die Aufstellung mittels Symbolen erfolgt (Holzfiguren, leeren Stühlen, Stofftieren etc.). 69) Eine wissenschaftliche Untersuchung legte Peter SCHLÖTTER
im Jahr 2005 vor: In seiner Dissertation tritt er mit einer großangelegten
Untersuchung (über 2800 Einzelversuche) den empirischen Nachweis
an, dass die "repräsentierende Wahrnehmung" überindividuell
reproduzierbar ist, dass also unterschiedlichste Personen tendenziell
gleiche Wahrnehmungen in Systemaufstellungen äußern (SCHLÖTTER,
Peter: Vertraute Sprache und ihre Entdeckung. Systemaufstellungen sind
kein Zufallsprodukt – der empirische Nachweis. Heidelberg 2005. 70) Vgl. dazu u. a. die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft
für Systemaufstellungen (DGfS) (http://www.dgsf.org/themen/berufspolitik/hellinger.htm). 72) Interview mit HELLINGER anlässlich einer Veranstaltung des Erickson-Institutes in Berlin 1995 (http://www.erickson-institut-berlin.de/frames/community/whc/texte/i-hellinger.htm). 73) Vgl. Synergetik Basic 1/4, Kap. 5.2: Emergenz, Attraktor, Selbstähnlichkeit (Fraktal). 74) Vgl. Synergetik Basic 1/4, Kap. 6.2: Das Scheibchenziehen. |