14. Komplexität in der Innenwelt
Anteile
von uns, die wir während einer Innenweltreise auffinden, können Momentaufnahmen
einer bestimmten biographischen Situation sein, etwa als wir uns hilflos gefühlt
haben. Häufig handelt es sich dabei aber auch um Symbolbilder, die die
Summe der Erfahrungen in Bezug auf eine gewisse Fragestellung darstellen und
damit eine komplexe Informationsstruktur des Unbe-wussten darstellen. Der Innere
Löwe etwa kann die Summe der Erfahrungen darstellen, die wir mit 'Kraft'
in unserem Leben gemacht haben (vgl. Synergetik Basic 2/4, Kap. 3.2: Innerer
Löwe). Liegt er beispielsweise an einer Kette, deutet dies auf Situationen
im Leben hin, in der erlebt wurde, wie Kraft, Selbstvertrauen und Zuversicht
etc. gebremst wurden. Zwei Ebenen werden dabei deutlich: Zum einen der Ist-Zustand
(des Löwen etwa) sowie zum anderen das dahinter liegende Urbild (des Löwen),
das den Attraktor syner-getischer Transformationsarbeit darstellt. Alle Transformationsarbeit,
die nach dem Basishandwerkszeug in der Innenwelt geleistet wird, lässt
die Symbolbilder selbst-organisatorisch sich in Richtung Urbild entwickeln.
Innenwelt ist prinzipiell so angelegt, dass steckengebliebene Erfahrungen nachgeholt
werden und entsprechende Sym-bolbilder und Persönlichkeitsanteile sich
in Richtung des jeweiligen Urbildes entwickeln wollen; das ist der Grund, warum
Menschen ein Interesse entwickeln, sich mit sich selbst zu beschäftigen.
Komplexität drückt sich in der Innenwelt ferner darin aus, dass die
Bilder untereinander vernetzt sind: Das Innere Kind steht in Wechselwirkung
mit den Inneren Eltern; das Bild des Inneren Papas mit dem der Inneren Mama.
Es gibt kein lebendiges, wunderbares Inneres Kind, wenn die Bilder der Inneren
Eltern leblos sind. Die Innere Frau steht in Beziehung zum Inneren Mann (vgl.
Synergetik Basic 4/4). Alle Bilder, insbesondere die der zentralen inneren Symbole
und Persönlichkeitsanteile, wirken aufeinander ein und beeinflussen sich.
Komplexität in der Innenwelt entsteht durch Bündelung und Vernetzung von Informationen in Wechselwirkung |
Diese systemischen Wechselwirkungen bringen es mit sich, dass die Arbeit an
einem Aspekt in der Innenwelt selbstorganisatorisch und durch Rückkopplungen
Auswir-kungen hat auf das ganze System (vgl. Synergetik Basic 1/4, Kap. 2.1,
4.2, 5.2) 43) :
Konfliktmuster mit ihren ineinander verschachtelten selbstähnlichen Be-zügen (Fraktalen) werden von Attraktoren beherrscht, die sich im Laufe des bisherigen Lebens aufgrund bestimmter Erlebnisse herausgebildet haben und die den Attraktor des jeweiligen Urbildes "überlagern" (etwa: ich habe nie erlebt, dass mein Papa mich annimmt; ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das ändert; ich habe mit ihm gebrochen und will keinen Kontakt mehr mit ihm). Um die bestehende Informationsstruktur zum „Kippen“ zu bringen, muss diese zunächst in ein Chaos versetzt werden (vgl. Basishandwerkszeug), welches sie so weit destabilisiert, dass sie in sich zusammenbricht. Erst danach kann über einen Selbstorganisationsprozess ein Neuaufbau einsetzen, welcher sich am Attraktor des Urbildes orientiert. Der Selbstorganisationsprozess stellt ein emergentes Geschehen dar, das sich weder der Klient noch der Begleiter "ausdenkt" – es baut sich emergent eine neue und höherwertigere Infor-mationsstruktur auf. Da sich Körper, Geist und Seele selbstähnlich verhalten, wirken sich Innenweltreisen auch auf die anderen Ebenen aus.
14.1 Inneres Kind 44)
Das
Urbild des Inneren Kindes ist in etwa 6 bis 7 Jahre alt, es
ist lebendig und gesund, verspielt, auf-geschlossen, neugierig, selbstbewusst
und kontaktfreudig.
Wenn ein Erwachsener das erste mal sein Inneres Kind aufsucht, erscheint es
in aller Regel nicht mit all diesen Qualitäten, da nicht immer beide Eltern
die nötige Zeit aufbrachten und das Kind in seiner Unschuld und Verletzlichkeit
Enttäuschungen unterschiedlicher Art erlebt hat – das ist der Normalfall.
Wichtig ist, darüber Klarheit zu haben, dass das Ziel syner-getischer Optimierungsarbeit
die (Wieder-)Herstellung des Urbildes in der Innenwelt des Klienten ist.
Das tatsächlich vorgefundene Innere Kind kann sich beim Erstkontakt deutlich
vom Urbild unterscheiden:45) Vielleicht steht es in einer Ecke und traut sich
nicht in den Vordergrund zu kommen, ist ängstlich, depressiv und ge-hemmt
oder auch gelangweilt oder gar aggressiv; vielleicht ist es in Lumpen gehüllt,
körperlich beeinträchtigt oder in seiner Entwicklung zurückgeblieben
sein (1-3 Jahre alt, was darauf hindeutet, dass sich etwas in diesem Alter zugetragen
hat). Aus-sagekräftig ist auch der Ort, wo das Innere Kind aufgefunden
wird: Spielt es glücklich im Kinderzimmer oder sitzt es allein im Keller?
Auch
viele Arten von Verschachtelungen sind möglich, etwa, dass es vordergründig
niedlich und verspielt ist, beim Ansprechen jedoch traurig wird oder sich monströs
verändert und Schattenanteile offenbart (vgl. Synergetik Basic 8: Reichtum
und Schatten in der inneren Welt). Wichtig ist es, auf Untertöne des
Klienten bei der Beschreibung des Inneren Kindes zu achten: es sieht ziemlich
gesund aus, es ist eigentlich zufrieden etc. – das Innere Kind kann –
wie der dazu gehörige Erwachsene – über viele Schalen (und Schatten)
verfügen, die sich erst nach und nach offenbaren. Hier ist die Sensibilität
und Empathie des Begleiters gefragt, aber auch Auf-merksamkeit, Ehrlichkeit
und Entschlossenheit des Klienten. Die Schattenbereiche der Seele mit ihren
Verkapselungen erfüllten unter Umständen lange Zeit im Leben die wichtige
Aufgabe, den Gesamtorganismus am Leben zu erhalten. Demzufolge braucht es manchmal
viel Einfühlungsvermögen, um diese intimen Bereiche ins Licht des
Bewusstseins zu bringen. Es kann vorkommen, dass das Kind zwar erscheint und
freudig durch die Gegend trollt, doch nur der genaue Blick offenbart, dass das
Gesicht des Kindes eigentlich nicht wirklich zu sehen ist; vielleicht flackern
dann beim Versuch, es zu erkennen, ablenkende Bilder durch das Gesicht des Inneren
Kindes – bis es sich schließlich doch preisgibt: monströs verunstaltet,
eingesperrt in einem Laufstall, die Augen entsetzt und erstarrt weit aufgerissen.
Im Falle von Missbrauch ist mit mehreren Inneren Kindern zu rechnen. Um Abspaltungen
aufzudecken, kann man das scheinbar intakte Innere Kind nach weiteren Anteilen
fragen. Traumata deuten sich auch dann an, wenn der Klient das Geschehen „von
oben“ oder aus der Perspektive der dritten Person betrachtet.
Hat das Kind in der Vergangenheit viel Schmerz oder Traumatisierungen erlebt,
wird es möglicherweise vom Inneren Erwachsenen abgetrennt. Der Erwachsene
will sich damit davor schützen, den Schmerz des Kindes zu fühlen und
lehnt es ab, die Verantwortung für es zu übernehmen. Er möchte
die eigene Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein nicht spüren oder fühlt
sich überfordert, das Kind zu versorgen. So haben viele Menschen beim Heranwachsen
gelernt, den Zugang zu ihrem Inneren Kind zu drosseln oder abzuschneiden, um
bestimmte Gefühle nicht mehr fühlen zu müssen. Das Problem entsteht
u. a., weil es nicht möglich ist, nur die schlimmen Gefühle auszuklammern,
sondern gleichzeitig der Zugang zu den positiven Gefühlen versperrt wird.
Das abgelehnte Innere Kind empfindet sich dann als unzulänglich, schlecht,
nicht liebenswert und entwickelt intensive Gefühle von Schuld und Scham.
Es lernt, sich davor zu fürchten, dass die Menschen es verlassen und zurückweisen.
Dieses „ungeliebte Kind“ lebt in der ständigen Erwartung zurückgewiesen
zu werden und projiziert diese Erwartung auf andere Menschen, unterstellt ihnen,
es permanent abzulehnen. So kann beispielsweise geringfügige Kritik durch
den Partner panische Angst auslösen, weil das im Unbewussten lebende und
wirkende Innere Kind diese Kritik mit altbekannten Gefühlen von Angst vor
Strafe und Zurückweisung verbindet, und eine an sich harmlose Situation
kann unangemessen eskalieren (vgl. „Musterhandeln“, Synergetik Basic
9: Handlungskompetenz und Musterhandeln).
Der „lieblose Erwachsene“, der das Kind nicht annimmt, verhält sich so, wie unsere Eltern oder andere Bezugspersonen uns geprägt haben. Er handelt nach falschen Glaubenssätzen bzw. Widerstandsmustern zum Inneren Kind, die beispielsweise heißen können:
- Ich kann mich selbst nicht glücklich machen, andere können das besser als ich;
- andere sind für meine Gefühle verantwortlich und ich bin für ihre verantwortlich;
- ich bin egoistisch und falsch, wenn ich mich selbst glücklich mache;
- im Grunde meines Wesens bin ich schlecht;
- am besten ist es, Bedürfnisse nach Liebe und Zuwendung wegzuschieben.
Das
Wichtigste ist zunächst, Kontakt mit dem Inneren Kind aufzunehmen, (was
unterschiedliche bewusste und unbewusste Bereiche im Gehirn neuronal neu verschaltet):
es ansprechen, berühren, in den Arm nehmen, sich hinein fühlen. Wenn
das Innere Kind nicht so schön aussieht, kann dies mitunter sehr schwer
fallen. Es ist wichtig, mit seinem Inneren Kind wieder in einen ehrlichen, offenen
Dialog zu treten, ohne ihm Vorschriften zu machen oder intellektuelle Erklärungen
abzugeben. Man kann ihm Fragen stellen, wie Was brauchst du? Was willst du mir
zeigen? Wie lebst du? Nimm mich mit in deine Welt! oder Zeig mir, wie es dir
früher ergangen ist usw.
Synergetische Innenweltreisen bieten dem Klienten die Möglichkeit, durch
intensives sich beziehen auf das Innere Kind, dieses wieder ganz tief kennenzulernen
und dadurch immer mehr wieder anzunehmen und die oben genannten Qualitäten
in sich wieder zu erwecken. Der Klient kann sich auch von seinem Inneren Kind
prägende Situationen zeigen lassen und diese nach dem Basishandwerkszeug
synergetisch verändern. Dadurch wird das Kind befreit und erlangt immer
mehr seine Lebendigkeit zurück .
Erfahrungsgemäß ist es sehr wichtig, der Arbeit mit dem Inneren Kind
viel Raum zu geben, da die meisten seelischen Verletzungen und Einschränkungen
aus der Präge-phase der Kindheit stammen und der strategischen Erziehung
der Eltern, die häufig immer nur das Beste wollten – nun arbeiten
wir daran, das Beste wieder zurück zu bekommen.
Der
Begleiter kann den Klienten dazu anregen, mit seinem Bewusstsein in das Innere
Kind einzusteigen und zu fühlen, wie das Kind sich fühlt, um dann
aus dieser Perspektive mit seinem Erwachsenen-Ich zu sprechen. Als weitere Möglichkeit
bietet sich an, Lieblingstiere oder Lieblingsspielzeug aus der Kindheit auftauchen
zu lassen und mit diesen Dingen in Dialog zu treten. Manchmal leidet das Innere
Kind noch darunter, dass seine Mutter oder sein Vater Spielzeug unbedacht weggeworfen
hat. Dann ist es sehr heilsam, mit dem Inneren Papa oder der Inneren Mama zu
arbeiten, um das Spielzeug wieder zurückzubekommen und die seelische Verletzung
zu heilen (s. u.).
Man kann das Innere Kind auch mit in die heutige Welt nehmen, um ihm zu zeigen,
was aus ihm wird. Wenn es die Zusammenhänge erkennt, fällt es ihm
leichter, seinem Vater oder seiner Mutter zu widersprechen. Auch sie können
mit den Auswirkungen ihres Tun konfrontiert werden. Schon durch diese Rückkopplungen
können wichtige Selbstorganisationsprozesse ausgelöst werden, die
sehr effektiv sind.
Für starke Persönlichkeitsabspaltungen gilt als oberste Orientierung
eine Haltung des Annehmens und der Integration. Gefühlszustände sind
zu entladen, Schuldvorwürfe zu fördern, denn ein nur auf der Verständnisebene
vollzogene Betrachtung der Kindheit festigt diese innerlich noch weiter. Die
Schattenarbeit lässt sich nur durch aktives innerliches Erleben vollziehen,
sonst besteht die Wahrscheinlichkeit der mehrgenerationalen Vererbung oder im
schlimmsten Fall die Gefahr der explosiven Entladung in der Außenwelt.
Das Symbolbild des Inneren Kindes ist etwas „Zusammengefügtes“
und ein Bedeutungsträger (vgl. Synergetik Basic 10: Symbolbilder und
biographische Bilder) – es bündelt bildlich und emotional Informationen
aus der Kindheit und repräsentiert Wesenszüge des Erwachsenen in Hinblick
auf Selbstbewusstsein, Be-ziehungsleben, Handlungskompetenz etc. Es symbolisiert
die Basis des gesamten Lebens und ist – im optimalen Fall – nicht
zufällig zwischen 6 und 7 Jahre alt, da in diesem Alter die Prägung
weitestgehend abgeschlossen ist (s. o. Kap. 2.1 'Komplexität' in der Hirnforschung)
und das Set an Eigenschaften, Fähigkeiten, Defiziten etc. des heranwachsenden
Menschen nun feststeht. Umgekehrt bedeutet dies, dass es häufig genügt,
den Schwerpunkt der synergetischen Arbeit auf die ersten sechs Jahre zu legen,
um das Innere Kind zu heilen. Ist an Entwicklung und Erfahrung in der Innenwelt
das nachgeholt worden, was in der Biographie verpasst worden war, wird sich
auch der Ist-Zustand des Erwachsenen mit seinen aktuellen Problemen fundamental
verändern, da seine Basis optimiert worden ist. Wichtige Ereignisse aus
dem späteren Leben stehen häufig in Beziehung zu Situationen der ersten
sechs Jahre und kippen quasi „von allein“, wenn umfassend die prägenden
Szenen der frühen Jahre aufgearbeitet worden sind; eine minuziöse
Aufarbeitung des gesamten Lebens ist somit nicht unbedingt nötig (natürlich
muss z. B. ein Trauma mit 12 Jahren umfassend eigens bearbeitet werden!).
So wie das Kind, das bis zum circa sechsten Lebensjahr gut etabliert ist, nicht
davor gefeit ist, „Schicksalsschläge“ im Leben zu erleben,
so widerfahren dem Klienten auch nach synergetischer Transformation des Inneren
Kindes noch widrige Herausforderungen – entscheidend ist dabei jedoch:
mit welcher seelischen Standfestigkeit be-gegnen wir den Aufgaben im Leben?
Begreifen wir sie als Chancen zum Reifen oder verzweifeln wir an ihnen?
Die neuronale Entwicklung in den ersten Lebensjahren eines Menschen (s. Kap. 2.1) und die innenweltliche Entwicklung des Inneren Kindes korrespondieren miteinander und bilden die Basis für das weitere Leben – die synergetische Arbeit zielt darauf ab, diese Basis, und damit den Menschen insgesamt, zu stärken. |
Das Kind ist ein Produkt der Eltern. Die mehrgenerationalen Bezüge drücken
sich als Prägungen und Vererbungen sowohl auf der körperlichen als
auch auf der geistigen und seelischen Ebene aus. Aufgrund der systemischen Zusammenhänge
von Körper, Geist und Seele genügt es häufig, Energie in eine
dieser Ebenen zu geben, um Auswirkungen im Gesamtsystem festzustellen. Wenn
wir das Innere Kind erlösen wollen, müssen wir an den Inneren Eltern
arbeiten.
14. 2 Innere Eltern
Die meisten unserer Probleme im Leben hängen mit unseren
Eltern und unseren Erfahrungen mit ihnen zusammen: In Partnerschaften und Beziehungen,
mit unseren eigenen Kindern und im Beruf wirken im Unbewussten die uns mitgegebenen
Grundprägungen.
Die Eltern sind die Urerfahrung, die wir in unserem Leben gemacht haben. Sie
bestimmen, wie wir in bestimmten Situationen spontan reagieren, was wir im Leben
verwirklichen können und welchen Typ Mensch wir interessant finden und
an wen wir uns binden (ob es uns gefällt oder nicht).
Es geht dabei nicht um Schuldzuweisungen – es geht darum, die uns belastenden
Grundprägungen in unserer Seele zu erlösen und uns damit frei in unserem
Handeln im Alltag zu machen.
Das Urbild der Inneren Mama vermittelt Sicherheit, Zuwendung,
Geborgenheit und vor allem Liebe. Körperlich ist ihre Wirkung insbesondere
im Herzen konkret spürbar. Am besten ist es, wenn der Klient von selbst
feststellt, das er sie im Herzen spürt. Eine rein kognitive Wahrnehmung
ihrer Anwesenheit ist ein Anzeichen dafür, dass die notwendige Emotionalität
nicht vorliegt und Erlebnisse im Hintergrund wirken, die eine emotionale Nähe
zur Mutter verhindern.
Das Urbild des Inneren Papas schenkt neben bedingungsloser
Liebe und Zuwendung insbesondere Geborgenheit und Sicherheit (ideell wie materiell).
Innere Eltern, deren Bild mit der körperlichen und seelischen Gesundheit
des Klienten korrespondieren, stehen im Idealfall (Urbild) hinter dem Kind,
sind stolz auf das Kind und geben ihm ihre gesamte Energie. Alles was es tut
bejahen sie uneingeschränkt, auch wenn es einmal „was Dummes“
macht; sie stehen mit tiefem Verständnis hinter ihm und helfen ihm aus
allem heraus.
Sehr viele Menschen in unserem Kulturkreis haben solche Eltern in ihrem Leben
(im Außen) nicht kennengelernt. Wenn diese Menschen in ihrer Innenwelt
zum ersten mal erfahren, dass sich so Eltern anfühlen, geht ein neuronaler
Sturm durch die bestehenden Verschaltungen ihres Gehirns, der so einiges im
Innen und Außen hinweg fegt.
Bis es dazu kommt, vergehen eine oder auch viele Sitzungen, je nach Komplexität
der in der Innenwelt abgelegten individuellen Erfahrungen. Wie auch beim Inneren
Kind ist der Zustand der Inneren Eltern sehr aussagekräftig. Gleiches gilt
auch für den Ort, an dem sie aufgefunden werden. Ruft man die Inneren Eltern
herbei, kann es vorkommen, dass das Energiebild der Inneren Mama und/oder des
Inneren Papas woanders hinschaut, sich nicht für die Belange ihres Kindes
interessiert, nicht antwortet, ihm keine Hilfe zubilligen will oder auch gar
nicht erst erscheint (gedankliche, räumliche, emotionale Distanz bzw. Abwesenheit).
Häufig verhält es sich so mit dem Elternteil, der biographisch bereits
früh abwesend war, sei es durch Scheidung, Tod oder aus anderen Gründen.
Anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass ein früher Totalverlust eines
Elternteil (so schwer-wiegend er im Leben des Klienten auch wirkte) deutlich
schneller seelisch zu heilen scheint, als etwa Erfahrungen mit einer chronisch
kranken Mutter, die ihrem Kind über Jahrzehnte Pflege, Zuwendung und Energie
abverlangte – aufgrund der Vielfalt und Komplexität der damit verbundenen
negativen Lebenssituationen.
Wesentlich ist zudem die Qualität der Paarbeziehung der Inneren Eltern.
Dabei ist zu betonen, dass es hierbei nicht darum geht, moralische Grundsätze
über die Art und Weise, wie Paare miteinander umzugehen haben, zu vertreten,
sondern Erfahrungswerte zu vermitteln, welche elterlichen Qualitäten mit
dem körperlich-seelischen Befinden des Klienten in Beziehung stehen. Zerstrittene
Eltern sind im Außen häufig ein Faktum; in der Innenwelt stellen
streitende Eltern einen innerseelischen Konflikt des Klienten dar, da es sich
bei den Inneren Eltern um Seelenanteile des eigenen Unbewussten handelt. Ihre
Handlungsanweisungen bekamen diese Energiebilder durch die Erfahrungen, die
der Klient mit seinen Eltern im Außen gemacht hat.
Da in der Innenwelt (wie auch im Reich der Träume) nicht die gleichen Logikgesetze
wie im Außen gelten, kann es infolge synerge-tischer Transformationsarbeit
zu scheinbar unlogischen oder paradoxen Situationen, Konstellationen und Paarbeziehungen
kommen: Auch wenn die Eltern im Außen geschieden sind und sich seit Jahren
nicht mehr ge-sprochen haben, können sie in der Innenwelt ein Paar bilden;
gestorbene Väter können auferstehen und Entschuldigungen aussprechen
oder der verstorbene Elternanteil kann den Klienten fortan „auf seiner
Wolke“ im Leben begleiten etc. Wichtig ist allein die emotionale Qualität
und Realität, mit der die unterschiedlichen Symbolbilder und Persönlichkeitsanteile
zueinander stehen. Vielleicht gehen die Inneren Eltern, wie ihre geschiedenen
Entsprechungen im Außen, getrennte Wege, nur tun sie es dann einvernehmlich,
im Frieden und sind jederzeit für ihr Kind da, wenn es ihrer Hilfe bedarf.
Was infolge umfangreicher synergetischer Beziehungsarbeit in der Innenwelt aufgrund
der 'morphischen Resonanz' mit den tatsächlichen Eltern im Außen
passiert, mag jeder für sich selbst erfahren (vgl. Synergetik Basic 1/4,
Kap. 7.2: Morphische Felder im Außen und Innen).
Manchmal kommt es nach Innenweltreisen im Außen zu Situationen der Entsprechung:
Kontaktaufnahmen und Begegnungen mit den Eltern im Außen, denen ein gewisses
Unbehagen aufgrund der früheren Erfahrungen vorausgeht. Das Leben fordert
nun dazu auf, auch hier Handlungskompetenz und Mut aufzubringen, um das Thema
der Sitzung zu vervollständigen (vgl. Synergetik Basic 2/4, Kap. 2: Handlungskompetenz
und Musterhandeln). Wird die Umsetzung verpasst, kann es sein, dass die geleistete
Arbeit in der Innenwelt verpufft bzw. aufgeschoben wird, da offenbar immer noch
themenrelevante Blockaden im Unbewussten wirken, die uns zu allerlei Ausflüchten
verleiten. Letztlich belegen sie, dass wir noch nicht über genügend
Selbstvertrauen verfügen, unsere Herausforderungen auch im Außen
zu suchen und zu bestehen. Das Außen (unsere Lebensumstände, unsere
Familien-, Beziehungs-, Berufs- und Finanz-situation etc.) ist der ehrlichste
Spiegel unseres Selbst, den wir haben – so unangenehm das auch sein kann.
Ehrlichkeit sich selbst und der eigenen Lebenssituation gegenüber ist eine
Qualität, die durch synergetische Innenweltreisen geschult werden kann.
Und sie ist wesentlich für die erfolgreiche Umsetzung im Innen und Außen.
Relevant ist dabei, überhaupt erken-nen zu können, welche Qualitäten
zu einer gesunden und welche zu einer eingeschränkten Innenwelt gehören:
Der Klient, der zeitlebens die emotionalen Defizite seiner Eltern erfahren hat,
findet es unter Umständen völlig normal, dass seine Inneren Eltern
abwesend reagieren, ihr Verhalten mit der vielen zu erledigenden Arbeit entschuldigen
und sogar noch Verständnis einfordern – dieser Attraktor bestimmte
bislang seine Lebenswahrnehmung (vgl. Synergetik Basic, Kap. 2: Wahrnehmung
und 5.2: Emergenz, Attraktor und Selbstähnlichkeit). Ebenso erscheint
es völlig selbst-verständlich, dass der Innere Großvater nun
einmal in den Krieg zu ziehen hat, auch wenn er damit das Familienleben ins
Chaos stürzt. Bei konsequenter Anwendung des Basishandwerkszeugs werden
selbstorganisatorisch völlig neue Optionen, Perspektiven und Lösungen
(auch im Widerspruch zur Logik der Außenwelt) emergieren und damit eine
neue emotionale Wirklichkeit in der Seelenlandschaft des Klienten erschaffen.
Jede Innenwelt ist ein Unikat und weist individuelle Zusammenhänge und Beziehungsstrukturen auf. Dennoch gibt es Übereinstimmungen, die Innenwelten insgesamt ausmachen: Die wesentliche Rolle der leiblichen Eltern für das Innere Kind und die Themen des erwachsenen Klienten etwa oder auch die Symbolik für Verdrängungen und unangenehme Themen durch 'Schatten' (dunkle Kellerräume, grob behauene, feuchte Felsenwände etc.). Stattfindende Heilungen werden häufig repräsentiert durch die Zunahme des Lichts, durch das Wegfallen von Wänden und die Öffnung vordem dunkler Räume. Kalte leere Symbolräume zeigen sich nach erfolgter Transformationsarbeit im Familienenergiefeld wohnlich eingerichtet, freundlich und behaglich – analog zur nun veränderten Familienstruktur und der damit ver-bundenen neuen emotionalen Wirklichkeit. |
Zu den Vorzügen der synergetischen Methode und der Arbeit mit den inneren
Energiebildern gehört die hohe Präzision, mit der Zustände und
Zusammenhänge aufgedeckt, Transformationen eingeleitet und Arbeitsergebnisse
überprüft werden können. Die Qualität der inneren Bilder
in Verbindung mit den damit verbundenen Emotionen geben über die Prozessfortschritte
Aufschluss. So lässt sich etwa auch entgegen eines wirkenden Attraktors
zunächst klären (bzw. erwirken), ob überhaupt der Innere Papa
oder die Innere Mama zur Mithilfe bereit ist; sie brauchen es zunächst
noch nicht einmal zu tun – doch destabilisiert bereits die Wahrnehmung
eines kleinen Kopfnickens das vorherrschende Muster und stellt den Beginn umfangreicher
Trans-formationsarbeit dar.
Bei der Arbeit mit den Inneren Eltern ist darauf zu achten, dass genau die Eltern
in die Transformationsarbeit einbezogen werden, die zu dem jeweiligen Ereignis
auch gehören: Es nützt nichts, mit dem 60jährigen Papa zu arbeiten,
wenn der 20jährige das zu bearbeitende Trauma herbeigeführt hat. Hat
das Kind etwas mit 6 Jahren erlebt, ist der dazu passende Papa herbeizuholen;
kommt er nicht oder ein deutlich zu alter Papa liegt eine Verzerrung vor, die
ggf. auf Schattenbereiche verweist. Gerade beim Rückkoppeln unterschiedlicher
Persönlichkeitsanteile und Symbolfiguren im weiteren Verlauf der Sitzung
muss der Begleiter den Überblick darüber behalten, welche Elternanteile
gerade mit welchem Kindanteil kommunizieren.
Häufig erfährt der Klient im Zuge der Aufdeckungsphase, dass die ihm
bekannten Probleme bereits die Kindheit seiner Eltern beherrschten. Üblicherweise
reicht die synergetische Aufdeckungs- und Transformationsarbeit bis in die Kindheit
der Eltern hinein und schließt damit die intergenerativen Einflüsse
mit ein.
14.3 Familienenergiefeld
Die
inneren Konflikte, die ein Klient mit sich trägt und die nach und nach
während einer In-nenweltreise aufgedeckt werden verzweigen sich mehr oder
weniger tief im Familienenergiefeld. In der „klassischen Kon-stellation“
können bis zu vier Innere Großeltern sowie zwei Innere Eltern mit
dem Inneren Kind und damit dem zu bearbeitenden Thema in Beziehung stehen (4-2-1-Struktur).
In der Realität treten unzählig viele Variationen und Ergänzungen
dieser Konstellation auf und bestimmen die intergenerativen Zu-sammenhänge
in der Innenwelt. So können die Großeltern indirekt über die
Prägung der Eltern auf das Innere Kind einwirken, es kommt jedoch auch
häufig vor, dass sie direkten Einfluss nehmen, da sie mit im Elternhaus
lebten und das Kind unmittelbar prägten. Ggf. ersetzten sie auch einen
fehlenden Elternteil und fungierten im Leben des Inneren Kindes quasi als „Ersatzvater“.
Das Familienenergiefeld kann sich ausgesprochen komplex darstellen: Stiefeltern,
alleiner-ziehende Oma, miterziehende größere Geschwister oder Großtanten
etc. können daran beteiligt sein. Inzest in der Familie ruft ganz eigene
Strukturen hervor, die aber ebenso mit dem Basishandwerkszeug bearbeitet werden
können, wie die klassische 4-2-1-Konstellation. Gleiches gilt für
ein Scheidungskind, das bereits im dritten Lebensmonat seinen echten Papa „verlor“
und fortan von einem Stiefvater aufgezogen wurde. Es hat im wesentlichen zwar
nur den Stiefvater erlebt, doch ist der leibliche Vater dennoch wichtig. Auch
er ist in den Sitzungsverlauf miteinzubeziehen und sollte schließlich,
wie alle anderen Familien-mitglieder, dem Inneren Kind seine ganze Aufmerksamkeit,
Liebe und Zuwendung in der Innenwelt zukommen lassen; dieses Kind verfügt
in der Innenwelt über zwei Innere Papas und eine Innere Mama.
Mitunter haben nicht nur leibliche Familienmitglieder eine prägende und
vererbende Rolle für das Innere Kind gespielt, sondern auch außerfamiliäre
Personen: früher die Knechte und Mägde, die mit im Haushalt wohnten,
heute etwa Tagesmütter, Patentanten etc., die den Alltag des Kindes begleiten,
während beide Eltern beruflich außer Haus sind.
In Vorträgen (ohne Demo-Sitzung) ist Menschen, die noch keine Erfahrungen
mit ihrer Innenwelt gemacht haben, die ganze Tiefe des Familienfeldes nicht
leicht zu vermitteln. Der Verstand allein kann häufig nur schwer akzeptieren,
dass wir in unserer Seele nicht nur sämtliche Situationen unseres eigenen
Lebens, sondern auch die Kindheitserlebnisse unserer Eltern, Großeltern
und Urgroßeltern usw. auffinden können, obwohl wir dort nicht zugegen
bzw. geboren waren. Leichter ist es da schon, auf der Erlebnisebene während
einer Sitzung die Menschen mit diesen Realitäten der Innenwelt in Kontakt
zu bringen. Wie auch beim folgenden Kapitel zum Pastlife-Energiefeld ist es
für die synergetische Arbeit zunächst nicht relevant, wie diese Bilder
in unser Bewusstsein kommen. Wichtig ist, dass sie da sind, dass sie mit dem
Thema in Beziehung stehen und dass sie bearbeitet werden müssen.
Manchmal genügt es für die Arbeit im tiefen Familienenergiefeld bereits,
den Großeltern oder den Urgroßeltern die Folgen ihrer Entscheidungen
und ihres Tun für die nachfolgenden Generationen insgesamt und für
den Klienten im Besonderen vor Augen zu führen, um sie zu einer Abkehr
ihres Verhaltens zu bewegen. Damit wird der vor-herrschende Attraktor destabilisiert
und die in der Innenwelt autonom agierenden Persönlichkeitsanteile und
Symbolbilder gezwungen, selbstorganisatorisch neue Reaktionsmöglichkeiten
und Verhaltensweisen zu finden, die eine größere Nähe zum entsprechenden
Urbild aufweisen.
Auch das Farbe-einlaufen-lassen (vgl. Synergetik Basic Kap. 11.1: Farbe einlaufen
lassen) ist ein Werkzeug, das – tief im Familienenergiefeld angesetzt
– häufig bestehende Attraktoren destabilisieren kann. Oft ist es
so, dass sich, je tiefer im Familienfeld mit Bezug zum Thema gearbeitet wird,
der aufzubringende Aufwand für den Klient verringert (vgl. Synergetik Basic,
Kap. 2.1: Optimierung und 5: Chaostheorie und fraktale Muster
– 'Schmetterlingseffekt'). Die vordem aufgedeckten selbstähnlichen
Bezüge zur eigenen Biographie bilden quasi den „roten Faden“,
an dem entlang anschließend die prägenden Szenen aus der Kindheit
der Eltern und der eigenen Kindheit beinahe wie von selbst kippen ('Dominoeffekt').
Es kommt vor, dass sich der aufgedeckte „rote Faden“ der selbstähnlichen
Bezüge nicht nur ins Familienenergiefeld erstreckt, sondern darüber
hinausreicht ins Pastlife-Energiefeld; entsprechend weitreichend kann damit
der „Hebelarm“ der Transformationsarbeit sein.
|
45) Im Kontext der synergetischen Ausbildung kann es vorkommen, dass man gezielt das Innere Kind auf-sucht, um seine Beschaffenheit zu überprüfen und Kontakt zu wichtigen „Themen“ in der Kindheit zu bekommen; selten nur wird ein Klient in eine freiberuflich arbeitende synergetische Praxis kommen und vorschlagen, das Innere Kind in seiner ganzen qualitativen Breite kennen zu lernen. Das Kind taucht hier vielmehr häufig im Zusammenhang mit aktuellen Problemen aus dem Alltag des Erwachsenen (Beziehungs- und Berufsleben etc.) und ihren Selbstähnlichkeiten in der Kindheit des Klienten auf. Das damit in Beziehung stehende Bild des Kindes besitzt häufig vor allem biographische und weniger symbolische Qualitäten. Es steht jedoch mit dem eigentlichen Symbolbild des Inneren Kindes in enger Beziehung und stellt eine seiner Fassetten dar. Im Rahmen einer Sitzung ist grundsätzlich mit ihm genauso zu verfahren, wie mit dem Inneren Kind. Auch kann es dienlich sein, das eigentliche Symbolbild des Inneren Kindes mit in die Sitzung einzubeziehen. |